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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 2 · p. 65

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 2
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
65 (sequence 1)
Language
German
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ARNOLD ZWEIG / DER HEUTIGE DEUTSCHE ANTISEMITISMUS Vier Aufsätze Gestanden sei zu gutem Beginne: es ist mir nicht natürlich, sehr breit über ein Thema wie dieses zu schreiben. Der Antisemitismus ist für die Juden heute eine Frage dritten Ranges. Wie bauen wir Palästina? Wie retten wir die Ostjuden? Das sind vollgültige Probleme; was bedeutet und was ist der deutsche Antisemitismus, ja, der Antisemitismus überhaupt — diese Frage mag Menschen von schwankendem Selbstgefühl oder gereizten Staatsbürgern sehr empfindlich -sein: mir ist sie nicht zentral. Für Deutsche aber ist die Judenfrage eine Frage siebenten Ranges, oder sie sollte es sein. Festigung der Republik, Demokratisierung der deutschen Menschen, Grundlegung einer wirklich erzeugenden Wirtschaft — das heißen wir Probleme; Erkenntnis der nahezu unerhörten Fremdheit zwischen deutschem Arbeiter und deutschem Bürgerssohn, Erfassung der wirklichen empirischen und der wirklichen metaphysischen deutschen Seele, redliche Prüfung des Bildes, in welchem der Kriegs- und Nachkriegsdeutsche sich dem Ausland aufgeprägt hat, und seiner Folgen für die psychologische Situation des Deutschen, der mit den anderen Europäern zusammentrifft, zusammen arbeiten soll — das sind Probleme; die Frage des Besitzes und der Menschenseele, die Frage der Gewalt und der Menschenseele, die Frage der Menschenverbundenheit und der Menschenseele, diese drei in deutscher Sprache gestellt: das scheinen mir deutsche Probleme. Die Rolle der Juden innerhalb der deutschen Situation und ihrer Entwicklung — nicht einmal an dieser Stelle hätte die Frage danach ihren wahren Rang; es könnten noch immer weit wichtigere, dringlichere, heilsamere gestellt werden. Aber die Deutschen haben mit vehementer Wut in diese Frage des deutschen Juden sich verbissen: der Antisemitismus wird in kulturellen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen so als Mittelpunkt behandelt, daß man sich entschließen muß, ihn ein für allemal ebenso ernst zu nehmen wie seine Träger. Und indem man es tut, wird man sich schließlich dem Puls des augenblicklichen deutschen Lebens irgendwie nähern, ja wird das Leben der Zeit empfinden und erkennen: unter dieser Perspektive aber Geduld und Hingabe selbst an diese Sache mit der Hingabe und Aufgeschlossenheit verbinden, die das Leben und der Geist «pn jedem Lebenden fordern. 5

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