Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdisches Gewerbe in Wien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 61 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Statistisches 6l Gewerbe Zahl der Lehrlinge 1918/19 | 1919/20 20 15 3i 46 24 46 Bauu. Kunstschlosserei 10 16 9 11 118 162 Uhrmacher...... 16 25 Tischler ...... 6 20*) 6 9 Sattler und Taschner . . 4 8 10 15 Wäschewarenerzeugung 26 29 10 23*) Schneiderei (männl.) . . 20 65 „ (weibl.) . . 116 157*) *9 28 10 10 Kürschner und Kappen- 3i 25*) 152 206**) 24 5° 21 3i Nahrungsmittelgewerbe . 9 13 Gast- und Schankgewerbe 14 iS Gas- und Wasserleitungsinstallation .... 36 45 2 5 Graphische Fächer . . . 12 14 "3 105 Insgesamt sind in den Schulverzeichnissen 1241 gewerbliche Lehrlinge eingetragen, während die Gesamtzahl der jüdischen Lehrlinge in Wien auf mindestens 2000 zu veranschlagen ist. Die absolute Zunahme im letzten Jahre dürfte 500, also 25% betragen, eine Zahl, die einen ganz bedeutenden Fortschritt auf dem Wege der Produktivierung bedeutet. Die Zahl der in die Gremialf ortbildungsschulen eingetragenen kaufmännischen Lehrlinge und Praktikanten (ohne Handelsschulbildung) betrug dagegen im Vorjahre 562, für dieses Jahr stehen die Zahlen noch aus. 4- Die Zahlenverhältnisse der Lehrlinge weisen im ganzen eine weitgehende Übereinstimmung mit denen der Gewerbetreibenden auf. Zur Abnahme in der Metallindustrie ist zu bemerken, daß im Kriege viele Lehrlinge eingetreten sind, die in den letzten beiden Jahren ihre Lehrzeit *) bleiben unter der tatsächlichen Zahl weiter als die übrigen zurück, weil besonders viel Lehrlinge bei nicht berechtigten Meistern oder ohne Vertrag. **) vgl. hierzu die Angaben über Modistinnen weiter oben. beendet haben, und daß diese Industrie mit Rücksicht auf die hohen Löhne während der Kriegszeit eine große Anzahl jugendlicher Hilfsarbeiter beschäftigte. Während der Hochflut der Flüchtlingsinvasion sollen auch außerhalb Wiens, insbesondere im Wiener Neustädter Industriegebiet, zahlreiche jüdische jugendliche Hilfsarbeiter gearbeitet haben, die das Kriegsende zumeist in andere Berufe verschlagen hat. Im allgemeinen ist aber die Vorliebe für die metallverarbeitende Industrie, besonders für die Maschinenfabrikation und die Fabrikation elektrotechnischer Bedarfsartikel unter den jüdischen Jugendlichen in stetem Steigen begriffen, und es liegt weniger an ihnen als an den spezifischen Arbeitsverhältnissen in Wien, also an dem allgemeinen Arbeitsmangel in dieser Industrie und an der Schwierigkeit, jüdische Lehrlinge in einem großen Betrieb ohne jüdische Arbeiterschaft unterzubringen, daß kein bedeutender Zuwachs zu verzeichnen ist. Schon besucht eine immer steigende Zahl von Juden die privaten und öffentlichen technischen Fachschulen (im Range einer Mittelschule), und eine jüdische Lehrwerkstätte für Maschinenbau und Elektrotechnik würde gewiß in wenigen Tagen Hunderte von Zöglingsanmeldungen erhalten; Beweis dessen die Frequenz eines jüdischen Fachkurses für Elektrotechnik (theoretisch) und die Anmeldungen für einen Schlosserfachkurs (praktisch), die zweimal wöchentlich abends stattfinden. Zu den Handwerken, die zumeist mit dem seltsamen Komparativ „besser" bezeichnet werden, zur Zahntechnik, Elektrotechnik, Mechanik, Goldarbeit, Uhrmacherei und Optik ist der Zudrang außerordentlich. Da nur die Goldarbeit imstande war (mit Rücksicht auf den starken Konsum der Länder mit „schwerer" Valuta), ihn halbwegs zu befriedigen, drückt er sich nur in ihr zahlenmäßig aus, doch ist auch hier mit sinkender Konjunktur eine Abnahme zu verzeichnen. Die Zahntechnik zeigt eine Abnahme,- die Optik zumindest keine Zunahme, beide infolge der steigenden Schwierigkeit bei der Beschaffung von Lehrstellen. Die Zahl der Lehrlinge im Bekleidungsgewerbe steht dagegen in einem viel ungünstigeren Verhältnis zur Meisterschaft. (Vgl. die Angaben über Goldarbeit, ZahntecHnik mit denen über Schneiderei, obwohl durchschnittlich 75% der Meister und nur 50% der Lehrlinge angeführt sind.) Es herrscht oft ein wahrer Horror vor Schusterei und Schnei erei in den Kreisen des proletarisierten westlichen Mittelstandes und unter den orthodoxen Ostjuden, die ihre Kinder jetzt notgedrungen dem Handwerk zuführen- Erst in jüngster Zeit ist, vornehmlich mit Rücksicht auf baldige Emigration nach Amerika und