Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Jüdisches Gewerbe in Wien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 60 (sequence 2)
- Language
- German
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6o Umschau: Statistisches 2. Im November 1919 umfaßte der Kataster des Gewerbeförderungsamtes ca. 6100 Blätter von Handwerkern und Industriearbeitern. Eine Scheidung zwischen diesen beiden Gruppen zu treffen, ist unmöglich, weil bei der Erhebung die Frage nach Selbständigkeit nicht gestellt wurde. Aus der Praxis ergibt sich aber — und die nachfolgenden Zahlen werden das verdeutlichen — daß die Zahl der Unselbständigen dieser Kategorie eine verhältnismäßig sehr geringe ist und daß in dieser Generation zumindest die Juden von der Tendenz der Aufsaugung des selbständigen Handwerks durch die Industrie nicht betroffen wurden. Hierfür gibt die erste Gruppe, Metallbearbeitung, bereits ein Beispiel. Von 967 in ihr Beschäftigten sind 142 Unselbständige und zwar 73 Arbeiter, 69 Monteure, Werkmeister usw., also Angehörige der metallverarbeitenden Industrie; dagegen 187 Bau- und Kunstschlosser, 251 Bau- und Installationsspengler (Einfluß der Immigration aus Galizien), 382 Juweliere und Goldarbeiter. In den Fein h and werken waren 81 Optiker und Mechaniker, dagegen 220 Uhrmacher und 190 Zahntechniker (unter letzteren wohl viele Unselbständige) Juden. Die Holzbearbeitung beschäftigt entgegen ihrer Verbreitung im Osten relativ wenig Juden, es gab 141 Tischler und 97 Drechsler. Das Bekleidungsgewerbe erhält wie überall so auch in Wien die weitaus größte Anzahl von Juden, nämlich insgesamt 2300, unter ihnen 1290 Schneider, 220 Kürschner, 230 Schuster, 100 Hut- und Kappenmacher usw. Außer diesen vier Handwerksgruppen kommen Juden nur in wenigen Handwerken in nennenswerter Anzahl vor: Nahrungsmittelgewerbe......... 307 Gast- und Schankgewerbe ....... 270 Graphik............... 350 (darunter 216 Buchdrucker, 128 Photcgraphen) Maler und Anstreicher......... 200 Tapezierer.............. 200 Friseure............... 19° Buchbinder .............. 80 Sattler................ 20 Taschner............... 35 Bürstenbinder (viele Blinde)....... 40 Glaser................ 50 An Angaben über spezifische Frauenarbeit liegen vor: Stickerinnen.............. 65 Modistinnen.............. 180 Köchinnen (im Gastbetrieb)....... 15 Näherinnen.............. 150 Miedernäherinnen........... 25 Bei einem Vergleiche mit den Zahlen über die Männer im Bekleidungsgewerbe ist klar, daß es sich hier nur um einen viel geringeren Bruchteil als in den übrigen Gewerben handeln kann. Außer der Einschränkung, die das Wahlalter verursacht, ist aber noch die bemerkenswert, daß es eine Anzahl von unkonzessionierten weiblichen Gewerbetreibenden gibt, großenteils verehelicht, die keine Berufsangabe gemacht haben. Gewissen lebenswichtigen Handwerken kommt unter den Juden Wiens — und wahrscheinlich auch unter denen vieler anderer Orte — ein Seltenheitswert zu. Es gab beispielsweise im Bauhandwerk 3 Maurer, 8 Zimmerleute, 2 Dachdecker und 1 Pflasterer, dagegen 55 Bauleiter, 350 Hochbauingenieure mit spezialisierter Beruf sangabe, 60 Baumeister und unter den 1120 Ingenieuren ohne nähere Angaben wahrscheinlich wieder 25% Bauingenieure, ein Mißverhältnis, das nicht grotesker gedacht werden kann. Zur Veranschaulichung der Beziehungen zwischen jüdischer Kopf- und Handarbeit auf gewerblichem Gebiete diene, daß den 6100 Gewerbetreibenden, von denen sicher auch noch ein großer Teil nur Werkstättenaufsicht und kommerzielle Tätigkeit ausübt, 3000 Techniker, Ingenieure und Industrieangestellte und 2100 selbständige Industrielle gegenüberstehen. 3. Zeigen die bisher gemachten Angaben, in welcher Weise sich das Handwerk unter den Wiener Juden — man wird per analogiam auf die Juden von ganz Mitteleuropa schließen dürfen — sich von der Emanzipation bis zur letzten Generation entwickelt hat, so werden die folgenden Angaben über Lehrlinge zeigen können, wie die Zukunft des jüdischen Gewerbes aussehen wird. Sie stammen aus Auszügen, die Dr. Rudolf Glanz aus Wiener Fortbildungsschulverzeichnissen gemacht hat. Sie bieten ein noch mehr eingeengtes Bild als die obigen, weil wahrscheinlich nur 50% aller Lehrlinge die Fortbildungsschulen besuchen. Eine große Anzahl lernt bei Meistern, die in Wien keine Gewerbeberechtigung besitzen, mit einem großen Teil schließt der Meister entweder aus eigenem Verschulden oder aus Saumseligkeit der gesetzlichen Vertreter keinen ordnungsgemäßen Lehrvertrag ab, der allein zum Besuch der Schule berechtigt und verpflichtet, ein Teil der Lehrlinge versäumt den Schulbesuch aus Leichtfertigkeit, ein anderer ist gezwungen, ihn antisemitisch exzedierender Lehrer oder Mitschüler wegen aufzugeben. Daher kann der einzige Zweck der Zahlenangaben nur der sein, die Ab- und Zunahme in gewissen Zweigen des Handwerks, deren Gründe teils wirtschaftliche, teils psychische sind, proportioneil zur Gesamtbewegung klarzulegen.