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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 62

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Jüdisches Gewerbe in Wien
Date
1920-01-01
Page
62 (sequence 4)
Language
German
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62 Umschau: Presserundschau gute Nachrichten dort beschäftigter Angehöriger, eine steigende Vorliebe für Schneiderei zu konstatieren. Erheblichere Zahlen weisen die Mädchen auf, bei denen sich die Flucht aus den elend bezahlten kaufmännischen Hilfsarbeiten in das Frauengewerbe bereits bemerkbar macht. Die angeführten Zahlen sind aber noch viel kleiner als die allgemeine Proportion, da viele Mädchen, insbesondere die älteren, gegen Verzicht auf Vertrag und Schulbesuch nur ein Jahr lernen und sich ihre Vervollkommnung in späterer Zeit durch Besuch von Zuschneidekursen usw. erwerben. Die übrigen Gewerbe weisen eine zu geringe Anzahl von Lehrlingen auf, als daß sich aus der Betrachtung ihres Wachstums oder ihrer Abnahme Allgemeingültiges schließen ließe. Bemerkenswert erscheint nur noch die Zunahme der Friseure, Buchbinder und Installateure, wogegen die Spenglerei entgegen ihrer verhältnismäßig starken Vertretung im Wiener jüdischen Gewerbe ihre Anziehungskraft völlig verliert. Sehr bedauerlich, aber im bisherigen System unkorrigierbar ist der völlige Mangel an Lehrlingen im Bauhandwerk. Versuche, Juden als Hilfst rbeiter beim Bau zu beschäftigen, haben im vergangenen Jahre die günstigsten Resultate gezeitigt; es erfolgte während der ganzen Bautätigkeit keine Kündigung vonseiten der Arbeiter, obwohl die äußeren Lebensumstände oft äußerst primitiv waren und sich unter den Arbeitern viele ehemalige Angehörige von „Intelligenzberuf en" befanden. Es steht also der Entstehung eines jüdischen Bauhandwerkes nicht so sehr die Besonderheit der Juden als vielmehr die tatsächlich gänzlich veraltete und abstoßende, dabei langwierige Art seiner Erlernung entgegen. Und wenn es auch gelingen mag, Lehrwerkstätten für die verschiedensten Handwerke zu errichten, die Anlage eines Musterbauplatzes dürfte wohl noch lange ein Ding der Unmöglichkeit sein, obwohl sie die einzig rationelle und endgiltige Lösung der Frage wäre. 5- Daß das jüdische Gewerbe in Wien im Wachsen begriffen ist und daß diese aufsteigende Entwicklung durch die Gegenwart gefördert wird, läßt sich nicht nur zahlenmäßig, sondern auch aus persönlichen Erfahrungen ableiten. Das Fortschreiten der Entwicklung hängt allerdings von der Anpassungsfähigkeit der Juden an die industriellen Verhältnisse ab, denn die Kapazität des Handwerks ist leicht zu erschöpfen, ist schon heute, wie die Zahlen beweisen, in manchen Handwerken erschöpft. Es handelt sich also nur darum, diese Entwicklung nicht beschränkter Einsicht der Einzelnen und der Familie anheimzugeben, sondern sie durch einen organisierenden Eingriff der Gesamtheit zu regeln. Erwin Kohn MEINUNG UND ERÖRTERUNG PRESSERUNDSCHAU 1. Wilhelm Stapel setzt im Novemberheft 1919 der Zeitschrift „Deutsches Volkstum" seine im Juniheft begonnene Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus und der Judenfrage fort. Dabei unterscheidet er zwischen deutscher Volkszugehörigkeit und deutscher Staatsbürgerschaft. Er steht auf dem Standpunkte Fichtes, daß das Volk ein über den Einzelnen stehendes, einheitliches und selbständiges Wesen ist, die Einzelmenschen nur die Erscheinungsform des Volkes sind. Deutsches Volk und jüdisches Volk sind ihm daher zwei verschiedene Wesenheiten, denen man nicht gleichzeitig angehören kann. Der Jude kann sich zwar in deutsches Wesen stark einfühlen, stärker vielleicht als ein Deutscher von geringeren geistigen Fähigkeiten. Er erlebt dann aber immer einen anderen, nicht sich selbst, während es der ungeheure Wert einer nationalen Kunst und Kultur ist, daß darin ein Volk sich. selbst erlebt. Ist also der Jude nicht Glied des deutschen Volkes, so kann er dennoch deutscher Staatsbürger und als solcher gleichberechtigt sein. Indes verlangt Stapel von ihm, daß er den Takt habe, in Angelegenheiten der Gesetzgebung und Politik, die von völkischer Bedeutung sind, die Deutschen selbst über sich bestimmen zu lassen, ihre Volkssouveränität anzuerkennen. Wenn Juden diese Grenzen nicht beachten, so hat das, wie er meint, eine Verwirrung der deutschen Art zur Folge, die in bestimmten Situationen bis zu einer Gefährdung des deutschen Volkstums gehen kann. Da hier von einem denkenden Deutschen zum ersten Mal ausgesprochen wird, was zweifellos viele Deutsche unklar fühlen, so sei eine besonders bezeichnende Äußerung wörtlich wiedergegeben: „Wenn das deutsche Volk, wie eben jetzt, mit der Vernichtung seines Volkstums bedroht ist, so ist die seelische Zukunft jeder einzelnen deutschen Familie von der Vernichtung bedroht. Der Deutsche kann sich vor dem Untergang seines Volkstums und seiner Geschichte nicht

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