Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Rassenkunde
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Umschau: Rassenkunde Er hält deren Umfang für die notwendige Grundlage aller einzelnen seelischen Fähigkeiten und Betätigungen, deren Richtung durch Nebenursachen bestimmt sein soll. Mehr einem Einzelproblem wendet sich Sombart zu. Er sieht in den Juden die Schöpfer des modernen Kapitalismus vermöge der Zielsicherheit ihrer Willensimpulse und ihrer Begabung für wirtschaftliche Organisation und deren grenzenlose Erweiterung und Umformung. Er versucht diese als Kennzeichen des semitischen Geistes aus der Geschichte zu begründen. Sein sehr anregendes Buch .hat von jüdischer Seite viel Widerspruch erfahren. Einen Versuch, mit der induktiven Methode die geistigen Rassenmerkmale der Juden zu erschließen, macht Ruppin, indem er die Schulzeugnisse jüdischer Schüler mit denen nichtjüdischer vergleicht. Er findet eine besondere Begabung für Mathematik und sprachliche Dinge, weniger für Realien. — Die Methode ist aussichtsreich, doch ist das Material noch zu klein und die Fehlerquellen zu zahlreich. — Ein Kennzeichen jüdischen Geistes ist nach Ruppin die Rastlosigkeit ihres kulturellen- und wirtschaftlichen Auftriebs. Charakteristisch ist auch das Verhalten der Juden gegen Reiz- und Genußmittel: sie bevorzugen die erregenden (Nikotin, Koffein), die Europäer die lähmenden (Alkohol). Man sieht*, soviel Köpfe, soviel Sinne. Es ist doch schwerer, den Geist eines Volkes zu fassen, als seinen Körper zu messen. IV. Allgemeine Rassentheorie und politische Anthropologie Anhangsweise muß auch dieses weite Gebiet noch flüchtig gemustert werden, teils wegen seiner großen Bedeutung für die praktische Politik und das Öffentliche Leben, teils wegen seiner starken Heranziehung jüdischer Rassenprobleme. Die (politisch gefärbte) allgemeine Rassentheorie beschäftigt sich mit dem Einfluß des Rassenfaktors auf Kultur und Geschichtsver- " lauf. Sie ist bisher keine Wissenschaft, da ihre Grundlage zu unsicher, der Spielraum für persönliche Willkür zu weit ist. Sie geht aus von dem zweifellos fruchtbaren Gedanken, daß der Mensch und seine natürliche Zusammenfassung, die Rasse, der wichtigste bestimmende Faktor in der Geschichte ist. Das grundlegende Werk dieser Richtung ist: Graf Gobineau, „Versuch über die Ungleichheit der .Menschenrassen". Gobineau teilt die Menschheit in herrschende, kulturbegabte1 und in dienende, aus sich heraus zur Schaffung höherer Kultur unfähige Rassen. Die Edelrasse ist die germanische; zu den kulturbefähigten gehört aber auch die jüdische Rasse. Kultur ist Erzeugnis reiner Rasse (über diesen Begriff s. Einleitung), bei Mischung ist der Rest unvermischter Kulturrasse für die weitere Leistung ausschlaggebend. Der Untergang der Edelrasse erfolgt durch Mischung. Eine ähnliche Anschauung über den Wert der reinen Rasse vertritt A. Reibmayr (Inzucht und Vermischung im Leben der Völker). Die kulturelle Leistung der Juden ist nach ihm eine Folge ihrer strengen Rassenreinhaltung. Einen systematischen Ausbau der Rassentheorie zur politisch-historischen Wissenschaft erstrebte vor allem Ludwig Woltmann („Die Politische Anthropologie"). Mit origineller Methode versuchte er insbesondere die Rolle des germanischen Elementes in der Kulturgeschichte festzulegen, indem er den physischen Typus der hervorragendsten Kulturträger untersuchte (Hauptwerke: „Die Germanen und die Renaissance in Italien", „Die Germanen in Frankreich", „Die Germanen in Spanien", außerdem zahlreiche Aufsätze in der „Politisch-anthropologischen Revue"). Diese wichtigsten Arbeiten der politischen Rassentheorie leiden aber an schweren Mängeln der Methode, so daß man am gleichen Material auch die Rassenmischung, nicht die Rassenreinheit als das Entscheidende betrachten kann. Über das Werk von Chamberlain („Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts") ist das Nötigste bereits gesagt. Nach ihm geht alle Kultur auf die Germanen zurück. Auch die sumerischen Erfinder der Keilschrift, ebenso David, Jesus waren „Germanen". Wo bei anderen Völkern Kultur auftritt, sind eben einzelne versprengte Germanen das wirkende Ferment. Im Gegensatz zu dieser extremen Schätzung der Rassenreinheit sieht Sommer („Die Renaissance in Italien", Bericht über den II. Kongreß für Vererbungslehre und Familienforschung in Gießen, 1912) gerade in der glücklichen Mischung das Entscheidende. — Ganz allgemein vertritt diesen Standpunkt I£. Schneider (Der herrschende Rassebegriff und die Tatsachen. Leipzig, Hinrichs. 1913) mit einer Reihe glücklicher Beispiele. Nach unserer Auffassung des Rassenbegriffes spricht auch die Geschichte der Juden für diese Theorie. Jede wesentliche Bedeutung des Rassenfaktors in der Geschichte leugnet Jean Finot („Das Rassenvorurteil", deutsch 1911) in einem meist polemisch gehaltenen Buche. Dieser Anschauung nähert sich auch Friedrich Hertz („Rasse und Kultur", 1912). Von besonderer Bedeutung ist die Frage der Konstanz der Rassen, d. h. der Unveränderlichkeit ihrer Merkmale. Luschan lehrte