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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 57

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Rassenkunde
Date
1920-01-01
Page
57 (sequence 9)
Language
German
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Umschau: Völkerpsychologie 57 („Mischung und Entmischung der Rassen", Frankf. Ztg. 1906, und Arch. f. Rass.- u. Ges.- Biol. 1907, H. 3), daß bei Kreuzung verschiedener Rassen keine eigentliche Mischung eintritt, sondern die verschiedenen Typen getrennt nebeneinander hergehen. Nach der jetzigen Kenntnis der Vererbungsgesetze ist das nur sehr bedingt richtig, da die einzelnen Merkmale unabhängig voneinander vererbt werden und schließlich eine mosaikartige Vermischung eintreten muß. — Für eine weitgehende Umwandlung der Rassenmerkmale, auch ohne Mischung, tritt Zollschan („Das Rassenproblem") ein; doch ist er auch hier nicht konsequent, indem er trotzdem den eigentlich aufgelösten Rassenbegriff anwendet. — Der Streit läuft hinaus auf die Frage der Vererbung erworbener Eigenschaften, die wir hier nicht verfolgen können. Als typische Vertreterin der heutigen Rassentheorie sei genannt die „Politisch-anthropologische Revue" (jetzt „P.-a. Rundschau"). Ihr gegenüber ist in wirklich wissenschaftlicher Weise gehalten das „Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie" (Verlag Teubner, Leipzig), Elias Auerbach VÖLKERPSYCHOLOGIE Zwei große kultur- und' völkerpsychologische Werke stehen heute im Vordergrund der geistigen Öffentlichkeit und ihres. Interesses: Herrmann Graf Keyserlings „Reisetagebuch eines Philosophen" und Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes". Deshalb erscheint es als gerechtfertigt, daß wir noch vor Eingehen auf die übrige völkerpsychologische Literatur uns mit diesen beiden in einem guten Sinne aktuellsten Werken und ihrer Stellungnahme zur Psychologie der Juden und des Judentums auseinandersetzen. Das Werk Keyserlings kennzeichnet sich durch wahrhafte psychologische Universalität: er beachtet nicht nur alle Formen menschlicher Weltbetrachtung, sondern sucht sich in sie auch einzufühlen. Und so ist er bei seiner Wanderung durch die großen Weltsysteme: des Buddhismus, des Brahmanismus, des Christentums, des Islams, auch am Judentum nicht schweigend vorübergegangen. Im Gegensatz namentlich zur. Weltflucht des Indertums unterstreicht Keyserling die psychologische Verwandtschaft von Christen, Juden und Muselmännern in ihrer Lebens- und Kulturbejahung. „Juden, Christen und Muselmänner sind Brüder. Wie alle drei Religionen historisch auf den Mosaismus zurückgehen, so ist es ein Geist, der sie letztlich von innen beseelt. Heute sehe ich's deutlich: es ist verfehlt, von arischer im Gegensatz zu semitischer Kultur zu reden, sofern bisherige Gestaltungen in Frage kommen: so sehr dem Semiten der germanische Zug ins Transzendente fehlt, so sehr dieser den Germanen dem Inder verwandt erscheinen läßt, seine ererbte Kultur ist mediterranneischen Ursprungs, und gleiches gilt von Romanen, Semiten und Türken. Lange vor Mohammeds Tagen waren die „Geister" der Antike und des nahen Orients, des Mosaismus, des Christentums und der Kelto-Germanen aus dem Norden, sofern sich diese romanisierten oder gräzisierten, zu einem Sammelwesen verschmolzen. Der Vergleich mit dem Indertum läßt mich sehr deutlich erkennen, worin dieser Geist eigentlich besteht. Ihn kennzeichnet zweierlei: seine Weltzugekehrtheit und die Energie, mit der er die Erscheinung formt Das unterscheidet ihn radikal von dem Orientalentum, das in Indien seinen extremsten Ausdruck findet" (Das Reisetagebuch eines Philosophen, Duncker und Humblot, München und Leipzig 1919, Seite 186/187). Dieser Geist liegt also „jenseits aller Rassengegensätze". Und doch: die Wege der Geschichte sind unerforschlich. Keyserling zeigt dies am Doppelschicksal des Judentums, das die Geschichte, eben kraft jener Weltzugewandtheit, mit dauerndem Kulturwert, zugleich aber, im konkreten Völkerleben, mit einem Unwerturteil bedacht hat: „So töricht Antisemitismus als Weltanschauung ist — er muß doch seine Berechtigung haben, da die Juden auf dem ganzen Erdenrund, im Orient noch mehr als im Okzident, allgemein gleichmäßig verachtet werden und von jeher verachtet worden sind. Und doch: Wenn irgendein Volk ein -Recht hat, sich für „auserwählt" zu halten, so gilt dies vom jüdischen. Sein Glaube liegt Christentum und Islam zügrunde und beherrscht so indirekt die Welt; trotz aller Unterdrückung und Verachtung ist es nie degeneriert und heute gar gehören ihm die meisten unserer geistigen Führer an" (a. a. O. Seite 126. Der gesperrte Druck rührt überall von mir her). Keyserling gibt uns mit seinem Differentialmerkmal der Weltzugewandtheit und „Erscheinungsformung" in der Tat den psychologischen Schlüssel zu der gerade heute (besonders im politischen Leben) sich bemerkbar machenden starken Anteilnahme der Juden am europäischenLeben. Richtig bemerkt und eben mit dem Zug ins Realistische zusammenhängend ist auch der mangelnde Zug ins Transzendente. Aber man muß sich über den genauen Sinn der Worte verständigen. Dem jüdischen Geist mangelt nur die ungezügelte, mit poetischer Freiheit waltende metaphysische Begabung; sein Sinn für Gesetzlichkeit macht sich auch außerhalb der Grenzen

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