Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Politik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 43 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau: Politik 43 daß Englands Versprechungen gehalten und in demselben Geiste realisiert werden, in dem sie gegeben wurden. Wir können, wir wollen und wir dürfen vorläufig nichts anderes glauben. * Diese Zeilen waren bereits geschrieben, als endlich der Beschluß der Konferenz von San Remo allen Zweifeln ein Ende bereitete und am 24. April 1920 das tausendjährige Unrecht am jüdischen Volke wieder gut machte. Das war bis jetzt die größte und gerechteste" Reparation, welche die Friedenskonferenz beschlossen hat. Sie entsprach dem Geiste der Besinnung, der Einsicht, in dem anscheinend die Mehrheit ihrer Mitglieder in San Remo verhandelt hat, und dem Verlangen nach Restitution, welches die meisten Völker endlich immer mehr zu erfüllen beginnt. \ Noch unmittelbarer ist,, die Wiedergutmachung durch England selbst, nämlicn die von Bonar Law im Unterhaus angekündigte Ersetzung der militärischen Willkürherrschaft in Palästina durch die Zivilverwaltung. Nach diesen schwarzen Wochen, die uns mit zitternder Verzweiflung erfüllten und uns wie vielleicht kaum jemals unsere blutnahe, ganz eng verknüpfte und verwachsene Verbindung mit Erez Israel schmerzhaft deutlich empfinden ließen, dürfen wir endlich wieder hoffen. Dürfen es auch bei aller durch die Vergangenheit geschärften Skepsis und dem größten Mißtrauen. Doch freuen wir uns? Können wir uns freuen? Wir sahen bei vielen unserer Freunde wahre, aufrichtige, unbekümmert jubelnde Freude und haben sie in ihrer reinen Gefühlssicherheit und Hingegebenheit beneidet. Wir andern vermochten es nicht. Zu tief brannten uns noch die Schrecknisse der vergangenen Tage und zu furchtbar standen die Toten von Jerusalem noch vor unseren Augen. Wir müßten es bestreiten, wenn man uns vorwürfe, wir würden weniger von dem Erfolg oder Mißerfolg der zionistischen Bewegung berührt. Nur das große urjüdische Grundgefühl von der Heiligkeit jedes Menschenlebens, jedes einzelnen, auch des armseligsten und unbedeutendsten, ist zu übermächtig in uns. Und doch wissen wir, daß diese Stimmung in diesem Augenblick ein Unrecht ist. Sie verwehrt uns den Blick für die historische Größe des Geschehenen. Erst später werden wir sie ganz ermessen können. Nach zwei Jahrtausenden haben die Volker der Erde in einem feierlichen Akt das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina international anerkannt. Sie haben uns damit alles gegeben, was in ihrer Macht steht und ihre moralische Verpflichtung war: die formelle Freiheit. Die materielle, die realisierte, verwirklichte Freiheit zu erringen ist unsere eigene Aufgabe. Wir wollten nie mehr als die Möglichkeit hierzu; aus der Möglichkeit die Wirklichkeit zu gestalten, ist der zweite, der schwerere Teil der zionistischen Aufgabe. Seine Erfüllung aber Hegt in uns selbst beschlossen. Dieses Wissen rechtfertigt die stürmische Freude und den Jubel der jüdischen Massen. Nur weil wir Selbstvertrauen hatten, vertraute uns die Welt. Und heute wie einst vertrauen wir weiter den großen, den unerschöpften, den tief in uns schlummernden, ungekannten Kräften unseres Volkes, dem Ethos seiner Leidenschaft und der hohen Sendung seines unfaßlichen Schicksals auf Erden. Staat und Nation Der geistige Restaurations- und Reaktionsprozeß der letzten Monate hat auch vor dem deutschen Zionismus nicht haltgemacht. In gewissen zionistischen Kreisen, die diesmal zum Glück sehr gering an Zahl und Bedeutung sind, beginnen wieder die längst totgeglaubten Überlegungen über das Verhältnis von Nationaljudentum und deutschem Staat sich zu regen und wagen sich sogar schon wiederum auf das verantwortungsvolle Gebiet Öffentlicher Diskussion. Der tragische Irrtum zahlreicher junger Zionisten zu Kriegsbeginn, die vielfach von dem heute ganz unfaßbaren Motiv geleitet wurden, ihr Leben im Interesse einer apologetisch für die Antisemiten berechneten, also doch ganz sinn- und zwecklosen Statistik jüdischer Pflichterfüllungen und Heldentaten hinzugeben, scheint schon seine warnende Kraft eingebüßt zu haben. Und die ungeheuerliche Täuschung, dieser jungen Menschen, die gleich den Millionen Nichtjuden glaubten, für die Ehre und den Bestand ihres Vaterlandes zu kämpfen, aber im Grunde nur der verbrecherischen Politik einer unfähigen, bloß die Gewalt anbetenden Kaste zum Opfer fielen, hat anscheinend die Wirkung schon wieder verloren, daß man die Institution des Staates nicht mehr mit so bedingungslosem Vertrauen und so ehrfurchtsvoller Unterwürfigkeit wie vordem betrachtete. Hängt das vielleicht mit dem politischen Klima dieses Landes zusamme n, in dem niemals die Früchte politischer Erkenntnis reifen wollen? Wenn eine Lehre des Weltkriegs unwiderlegbar sicher geworden ist, ist es die vom Primat der Nation über den Staat. Die Nation als natürliche und geistige Schicksalsgemeinschaft geht dem Staate als einem reinen Zweckverbande vor. Die Verbindung mit der Nation ist unlösbar, man kann aus ihr niemals austreten; die Verbindung mit dem Staate aber kann gelöst werden, ist nicht natürliche und unzerstörbare Anlage, Gottes Mitgift für dein und deiner Kinder Leben und deines Wesens unverlierbarer Teil, sondern Gegenstand freier Wahl und menschlicher, zu-