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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 42

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Politik
Date
1920-01-01
Page
42 (sequence 4)
Language
German
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42 Umschau: Politik Stützung geliehen. Es hängt von der Auffassung der Aufgaben des Staates ab, ob man die nationale Sonderexistenz der Juden, d. h. die Kreierung einer neuen nationalen Minderheit für eher mit den Staatsinteressen vereinbar hält als ihre schonungslos erzwungene, nicht gar so schwierige künstliche Assimilation nacn ungarischem Muster. Diese letzte Auffassung hatte auch bei vielen tschechischen Politikern Eingang gefunden und wird besonders eifrig von der intellektuell hoch, moralisch aber um so tiefer stehenden kleinen Gruppe der tschechischjüdischen Assimilanten vertreten. Es ist demnach sehr fraglich, ob die nationale Idee des Zionismus und des Nationaljudentums gegenüber den vermeintlichen Interessen des tschechoslowakischen Staates, der die Juden als Werkzeug der Tschechisierung benutzen könnte, ^gesiegt hätte, wenn diese Idee nicht Männer wie Masaryk, seinen Schüler Benes (den Außenminister), den Philosophen Prot. Krejci u. a. durch die ihr innewohnende Kraft und Wahrheit für sich gewonnen hätte. Auch von Rücksichten auf c*as amerikanische Judentum zu sprechen, wäre verfehlt; es ist höcnst fraglich, ob die Forderung der Nationaljuden in einem so westlichen Staate mit verhältnismäßig so geringer jüdischer Bevölkerung von den amerikanischen Juden restlos unterstützt worden wäre; deren gesamte Stellung in der Frage der Diasporapolitik ist ja eine noch sehr ungeklärte. — Die Restaurationsversuche in Deutschland, kulminierten bisher in dem Kappschen Putsche. Die Pariser Lehren hatten willige Schüler in allen Ländern gefunden, und es macht gar keinen Unterschied, ob den Zielen oder nur den Methoden, welche die obersten Herr in der Welt anwandten, Gefolgschaft geleistet wurde. Der seelische Boden zu dieser Nachfolge in die altneue Politik war durch die bittere Enttäuschung über den Zusammenbruch der Wilsonschen Grundsätze überall bereitet. Bei der Friedenskonferenz schob man nach Wilsons Ausdruck die Völker aus einer Herrschaft unter die andere wie die Steine im Spiel — und in Deutschland war in Ermanglung der abhängigen Völker nur die Herrschaft selbst und ihre Form Gegenstand der Schiebung. Man darf nicht vergessen, daß die Kapprevolte aus der unmittelbaren Atmosphäre des Erzberger- Prozesses erwachsen war.. Die groß n Schieber der wilhelminischen Friedens- und Kriegsära waren aber auch dieses Mal nur die Geschobenen: der von ihnen wieder einmal verkannten, nur durch geschickte Mache zu einer fragwürdigen Empörung angefachten, in Wirklichkeit aber nur rein fiktiven Stimmung des gänzlich unpolitischen deutschen Bürgertums. Berauscht von dem unleugbar großen Erfolge ihrer letzten Schiebung (oder war der Versuch, die Erzbergersctnn Geschäfte mit Hilfe des unter größter Anstrengung zusammengebrachten Materials auf das Geleise einer Haupt- und Staatsaktion, Regierungskrise, moralischen Panamaskandals usf. zu schieben, keine solche?) urteilten diese unfähigen Psychologen und unmündigen Politiker nach ihrer eigenen Stimmung und gerieten darum wie 1918 aufs falsche Geleise. Fast schon im nächsten Augenblick kam es zur Katastrophe, — Viel stärker noch als in Deutschland ist die Reaktion (auf den Bolschewismus) in Ungarn; hier ist der Restaurationsprozsß durch die Ausrufung der Monarchie al; Staatsform bereits vollendet. Ein prononciert militaristisch-reaktionäres Regime herrschte bis vor kurzem auch in Rumänien. Und überall zeigt sich auch die Identität der Reaktion mit dem wüstesten Antisemitismus. Die Einheit der Juden mag bestehen oder nicht, die Einheit der Juden frage besteht darum sicherlich. Mit den in allen Ländern wiederkehrenden politischen Richtungen kehrt auch die gleiche Haltung den Juden gegenüber immer wiede\ Die Übereinstimmung geht sogar soweit, daß auch die englischen Militärs,] die im palästinensischen Okkupationsgebiete alleinige Macht haban, trotz der klaren Politik des Londoner Auswärtigen Amtes und der Orderj an die engliscnen Verwaltungsbehörden in Palästina, antisemitisch vorgehen. Die englische Militärverwaltung trifft die Hauptschuld an den blutigen Ausschreitungen in Jerusalem. Und wenn im englischen Unterhaus Sir Williamson auf eine Anfrage über die Schuldigen an dem Pogrom erklärt, das Londoner Kriegsamt sei mit der Verwaltung in Palästina zufrieden und beabsichtige keine Personaländerungen, erinnert dies frappant an die Interpellationsbeantwortungen durch die militärischen Vertreter im deutschen Reichstag in Ludendorffs Glanzzeit. Der Militarismus und der Antisemitismus, nicht das Judentum sind in dieser Beziehung international. Geben uns aber die schrecklichen Vorkommnisse in Jerusalem Grund, alle auf England gesetzte Hoffnung aufzugeben? Sehen wir uns um: welchem Volke könnten wir — dies frage ich im Augenblick schwerster Enttäuschung — mit mehr Vertrauen unser Schicksal in die H ind geben? Es gibt keines. Solange die vielen hervorragenden Männer in England, die den Zionismus aus den reinsten und idealsten Antrieben fördern, wie wir dies sonst in keinem anderen Lande sehen, nicht angesichts der Trägheit und des brutalen Egoismus der Mehrzahl, die in allen Ländern gleich ist, die zionistische Sache verloren geben, solange sie also nicht selbst moralisch abdanken müssen, vertrauen wir darauf,

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