Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Politik
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 41 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau: Politik 41 ihre ganze Einstellung. Das traurigste Beispiel hierfür — traurig vor allem deshalb, weil es sich um eine Idee handelt, die gerade einer solchen Suggestion nicht unterliegen sollte — sahen wir in der sofortigen starken Linksorientierung der Sozialisten verschiedener Länder, auch der jüdischen und zionistischen, nach den militärischen Erfolgen der Bolschewiken. Als ob die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Idee von militärischer Organisationsfähigkeit abhängig wäre! Und wenn auch weiter der Bolschewismus den verelendeten Massen Brot verspricht (ohne es vorläufig zu geben) und es der Zionismus nicht tut, weil er es weder kann noch will, besagt ein Abfall dieser Massen nichts gegen ihn, nicht einmal etwas gegen die Massen, sondern nur gegen die Zeit und die an ihr Schuldigen. Der Zionismus hat die materielle und geistige Not des jüdischen Volkes nie aus dem Gesichtspunkt des Augenblicks, sondern der ganzen jüdischen Zukunft betrachtet. Ist der Augenblick so erdrückend schwer, daß die Masse weder warten kann noch will, daß sie ein Augenblicksheilmittel verlangt und ihm vertraut, dann muß der Zionismus zurücktreten und warten. Seine Zukunft und seine Einstellung auf die Zukunft kann aber hiervon nicht berührt werden. Keine wirkliche Idee ist nur aktuell; sie ist ewig. Ihr Erfolg ist allerdings zum Teil das Resultat äußerer Umstände. Daß die Lage des Zionismus nur ein Abbild der allgemeinen Weltlage ist, ist freilich kein Trost, soll auch keiner sein und nicht über den Ernst des Augenblicks hinwegtäuschen. Doch die Möglichkeiten des Handelns und Schaffens sind, solange die gegenwärtigen Weltenlenker mit den alten kriegerischen Methoden weiterarbeiten, eng begrenzt. Dies ist die tiefere Ursache der Entmutigung, welche die jüdischen und die zionistischen Massen ergriffen hat. Sie sehen keinen Ausweg, den sie sich aus eigener, selbst angespanntester Kraft bahnen könnten. Diese Erkenntnis treibt zu lähmender Verzweiflung, Sowohl für Palästina gilt das wie für die Diaspora, wo es sich nicht mehr so sehr um politische als wirtschaftliche Probleme handelt, deren Lösung aber nicht allein von dem Bemühen der Juden in den Ostländern abhängt, sondern zuerst von der amerikanischen Hilfe. Amerika aber steht heute, auch infolge seiner inneren politischen Kämpfe, dem allgemeinen Problem des Wiederaufbaus der europäischen Wirtschaft, aus dem die spezielle jüdische Frage wieder nur ein Ausschnitt ist, untätig und unentschlossen gegenüber. Es bleibt nur die Hoffnung — und diese scheint allmählich realer zu werden —, daß die heute wirklich Verantwortlichen immer mehr und deutlicher einsehen, daß sie mit den alten Methoden ihrer Reparationspolitik nur der Restauration und der Reaktion den Weg bereiten. Restauration ist Wiederherstellung in einem anderen Sinne als Restitution. Es ist keine restitutio in integrum, keine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand für den ungerechtfertigt Benachteiligten, sondern Restitution als Reaktion, Rückkehr zu längst überwundenen For- , men und Anschauungen. Ist dort das zugefügte menschliche, nicht juristische Unrecht die Legitimation des Zurückgesetzten, so ist hier die „Legitimität" das angebliche, vielleicht juristische Recht der früher Herrschenden. Wir können jetzt die politischen Erscheinungen der letzten Zeit nach dem Einteilungsprinzip der drei Tendenzen der Restitution, der Reparation und der Restauration analysieren, und tun wir es unter jüdischem Aspekt, dann wird eine solche Prüfung auch ein paralleles Resultat ergeben. Die Balfoursche Deklaration war ein Akt der Wiedergutmachung. Fast dieselbe Bedeutung für die Frage der Diasporapolitik hat die Anerkennung der jüdischen Nationalität, die im März zum ersten Mal durch ein Staatsgrundgesetz in einem international anerkannten Staate erfolgt ist, dem tschechoslowakischen. Hier handelt es sich allerdings nicht um eine Wiedergutmachung, sondern um eine Wiedereinsetzung in den vorigen Stand. War die jüdische Nationalität doch zu Beginn der Aufklärungszeit von den Juden aus freien Stücken aufgegeben worden und das Unrecht also selbstverschuldet. Die Bedeutung dieser zunächst nur formalen Anerkennung ist außenpolitisch, d. h. in bezug auf das Schicksal der Juden in den anderen Ländern weit größer als ihr an sich sehr hoher innerpolitischer Wert*). Wie der wirkliche Besitz des palästinensischen Bodens, die Verwaltung des Landes und seine staatliche Rechtsform wichtiger sind als jedes einen bloßen Rechtstitel bildende Versprechen, so sind die einzelnen Rechte der nationalen Minderheit wesenhafter als ihre Voraussetzung, die Anerkennung dieser Minorität als Nation. Der Erfolg der tschechoslowakischen Nationaljuden ist um so bemerkenswerter als er das Ergebnis einer reinen Ideenpolitik ist. Aus idealen Beweggründen hat der mit der zionistischen Gedankenwelt sehr vertraute, vom menschlichen Ethos und der tiefen Sittlichkeit des jüdischen Nationalgefühls warm berührte Präsident der tschechoslowakischen Republik Thomas G. Masaryk, einer der wenigen großen Denker und Staatsmänner der Jetztzeit, dem Streben der Nationaljuden die tatkräftigste Unter- *) Hieruber Näheres in der Artikelreihe „Nationale Minoritätsrechte der Juden".