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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Politik
Date
1920-01-01
Page
40 (sequence 2)
Language
German
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40 Umschau: Politik nichts mehr: so vollständig war der Sieg des unverhüllten Imperialismus über den doktrinären, in der Praxis hilflosen Idealismus Wilsons. — Ist es Zufall oder dämonische, wie von einer Vorsehung bestimmte Schicksalsfügung, daß dieses düstere Bild harter und unversöhnlicher Vergeltungssucht bisher noch immer nicht hellere Farben erhalten hat: durch den Vollzug der zwar beschlossenen, aber bisher unverwirklichten Reparation im guten Sinne, der Wiedergutmachung hundert- und tausendjährigen Unrechts? Des Unrechts vor allem am jüdischen Volke, mit dessen Leiden im Weltkriege (nicht mehr aber mit dem seiner ganzen Vergangenheit) vielleicht noch das Martyrium des armenischen Volkes verglichen werden kann, das gleich uns auf seine endgültige Befreiung wartet. Ist es vermessen, unsere Leiden an den Verfolgungen zu messen, denen andere Völker im Kriege ausgesetzt waren? Der Versuch sei trotzdem gewagt. Gewiß, das tschechische Volk hatte im Kriege manches zu ertragen:; seine nationalgesinnten und aufrechten Männer wurden schikaniert, eingekerkert, gehängt, mußten in der Verbannung leben, und es wurce auch in seiner Gesamtheit benachteiligt und zurückgesetzt. Doch es hat ja auch in seiner Gesamtheit gegen Österreich gekämpft, offen und geheim, durch Aufruhr und durch Sabotage, und wo ist der Kampf, in dem man nicht von seinem Gegner, der sich zur Wehr setzt, leidet? Das serbische und das belgische Volk hatten ihr Land verloren, sie saßen aber doch zum größten Teil weiter auf der heimatlichen Scholle, und die anderen, die Vertriebenen, die haben doch nur in einigen wenigen Jahren erlebt, was das jüdische Volk in ganz anderer Schärfe und Unerbittlichkeit Jahrtausende ertragen mußte: das Schicksal der Heimatlosigkeit. — Aber wenn schon die Größe unseres nationalen Unglücks kein Anlaß zu sofortiger Reparation ist, weil man in der Sphäre dieser elenden zeitgenössischen Politik nicht mit Jahrtausenden, sondern nur mit Aktualitäten rechnet, war denn die entsetzliche Not unseres Volkes nicht auch die aktuellste? Nicht von einer grauenhafteren Aktualität als die Kriegsleiden der anderen Völker, die längst wieder in ihre Rechte eingesetzt waren, während das Unrecht an uns nicht aufhörte, ja es erst recht eigentlich begann? Längst nach dem Waffenstillstand, während der Friedensverhandlungen, stieg in Polen, in Galizien, in der Ukraine, in Ungarn der Schmerzensschrei unseres unmenschlich gemarterten Volkes zum Himmel ■— in Paris aber wurde er kaum gehört. Man hatte dort Wichtigeres zu tun: jenes „Unrecht" zu reparieren, dessen Sühne zugleich den unmittelbaren und aktuellen Interessen des geheiligten nationalen Egoismus entsprach. Das jüdische Volk aber, an dessen Befreiung man nur ein sehr mittelbares Interesse hatte, mochte warten. Zuerst das Geschäft und dann die Philanthropie — dieses Prinzip galt auch hier. Zugunsten Palästinas und des jüdischen Volkes wurde keine Reparationskommission gebildet. Es ist leicht und bequem, nach dem sich sofort darbietenden Schema genau abgegrenzter Verantwortlichkeiten für die Stagnation der zionistischen Bewegung, für das Abflauen der Begeisterung, für die ungeklärte politische Situation in der Mandatsfrage und noch mehr für die Ausschreitungen in Galiläa und Jerusalem als angebliche Konsequenz schlechter Araberpolitik die zionistischen Führer zu beschuldigen. Man vergißt ganz, daß alle diese traurigen Erscheinungen gar keine jüdische, keine zionistische und keine palästinensische Spezialität, sondern nur ein Anzeichen unter vielen für die allgemeine Weltsituation von heute sind. Und daß an dieser international gleichen Lage, diesem überall vorhandenen Zustande der Labilität und Unsicherheit die Machthaber Schuld tragen, welche den Gedanken der Wiedergutmachung schon vor einem Jahre im Sinne von Wiedervergeltung auffaßten und die sich auch heute noch zum großen Teil der Tendenz der Wiederherstellung widersetzen, nachdem sie durch Fortsetzung der Kriegspolitik im Frieden auch die Kriegszustände perpetuiert hatten. Der Jerusalemer Judenpogrom ist eine Erscheinungsform der gleichen inneren Triebkräfte und Unzufriedenheitstendenzen wie der Kapp-Putsch in Deutschland, die Aufstände in Irland, die Streiks, Unruhen und Demonstrationen in fast allen neutralen wie auch ehemals kriegführenden Ländern. Die Lage ist nicht nur in Palästina kritisch, dessen Schicksal sich jetzt entscheiden soll, sondern in allen Ländern, wo längst mit der Sicherheit ihres zukünftigen staatsrechtlichen Geschicks auch die Öffentliche Sicherheit und politische Ruhe hätte einkehren sollen. Es ist klar, daß nicht gerade das jüdische Volk und der Zionismus von den Pariser Friedensfolgen unberührt bleiben konnten. Darum ist es ungerecht und auch unüberlegt, für eine solche Entwicklung so obenauf und nahe liegende Gründe wie das nicht ausreichende Format unserer führenden Personen oder den Mangel der ideellen Durchschlagskraft des Zionismus anzuführen. Die Stärke der zionistischen Idee war nie von der politischen Situation abhängig; der Erfolg tastete die Idee vielmehr eher an als die Niederlage. Die Macht der Organisation und der Bewegung hängt jedoch sehr vom politischen Erfolge ab. Und nicht nur ihre Macht, sondern

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