Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Die Prager Konferenz
Date
1920-01-01
Page
36 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101165-3105127--3799-3105193
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

36 Bemerkungen: Die Prager Konferenz wirklichung die ganze Welt liegt. Gedankeninhalt, noch so ehrlich gemeint, ist nicht Lebensinhalt. Niemals kann eine schöpferische Tat geschehen, wenn die Menschen in der fiktiven Welt der Abstraktionen mit Begriffen und Gedankenketten gegeneinander kämpfen, statt schlicht und einfach hinzugehen und Ernst zu machen. Das heißt nicht, daß die Bedeutung politischer Entscheidungen für die Wirklichkeit verkannt wird; aber auch die Politik darf nur ein Exponent des menschlichen Lebens sein, und vom Leben selbst hebt alles an. Das jüdische Volk erliegt allen Gefahren der europäischen Begriffswelt viel leichter als andere Menschen; weil es durch Jahrhunderte ein losgelöstes Leben geführt hat,* naturfern und wirklichkeitsfremd, eingezwängt in die schmalen Kanäle der für die Juden freibleibenden Wirtschaftsfunktionen, in die engen Gedankengänge einer formalistischen Tradition. Die Wiedergeburt des jüdischen Volkes geschieht nicht durch seine äußere Befreiung, sondern durch die innere Lösung dieser Fesseln, durch das Wiedergewinnen natürlicher menschlicher Beziehungen zur Welt, zur Natur, zu den Menschen, — zu Gott. Eine solche Erneuerung kann nur kommen, wenn mit der Verwirklichung Ernst gemacht wird, wenn es jedem Menschen, der Glied der Bewegung ist, zutiefst Ernst ist mit seinem eigenen Leben. Der Zionismus darf nicht eine Feiertagsstimmung sein, die die unveränderte Fortführung des äußeren Lebens in den gewohnten bequemen Bahnen zuläßt, Zionismus ist vielmehr eine Änderung des jüdischen Werktages, denn der Werktag ist entscheidend für den Menschen. Wenn wir heute einsehen, daß das Unglück des Volkes, daß unser eigenes inneres Unglück eine Folge unserer parasitären Existenz ist, die nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in Kultur, Weltanschauung, Kunst sich zeigt, so müssen wir — wofern wir begriffen haben, was Freiheit ist — die parasitäre Existenz überwinden; das bedeutet aber nichts anderes, als nicht mehr aus zweiter oder dritter Hand nehmen, sondern unmittelbar nehmen und unmittelbar geben, selbst schaffen. Das bedeutet, da zunächst beim Einfachsten und gerade darum Schwersten begonnen werden muß, selbst arbeiten. Es soll kein Jude im jüdischen Land von fremder Arbeit leben; es darf keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten geben; im Gegensatz zu allen änderen Völkern ist aber bei uns das Problem ein umgekehrtes: es bedeutet nicht, Arbeiter von der sozialen und wirtschaftlichen Unterdrückung befreien, sondern Arbeiter erst schaffen, Arbeiter werden. Alles Gerede über die soziale Gestalt des palästinensischen Gemeinwesens ist müßig, solange nicht die Träger der arbeitenden Gemeinschaft vorhanden sind. Der arbeitende Mensch ist aber nicht nur produzierendes Wirtschaftssubjekt, sondern er fühlt sich selbst als eingreifend in den Gang der Welt, die im alltäglichsten Tun des Menschen ihr Antlitz erhält. Die Arbeit in der Urproduktion ist die primitivste und primärste Form der menschlichen Ehrlichkeit. In ihr weitet sich das schöpferische Gefühl zum Erfassen des Kosmos. Aus solchem Lebensgefühi allein kann das neue Volk werden. Ein neues Volk; dies ist der Traum, von dem der greise Gordon sprach, diese verehrungswürdige Führergestalt mit den leuchtenden Augen voll echter Leidenschaft, wahrer Güte und wahrhaftem Humor, selbst der Vorbote eines neuen jüdischen Menschentypus, von dessen Kommen man in den finsteren Gassen der Galuth nichts weiß. Neues Volk, nicht nur in dem Sinne, daß das alte Volk der Juden wieder deutlich das soziologische Gefüge eines Volkes annimmt, sondern auch in dem Sinne, daß hier wirklich eine neue Art Volk entstehen soll, ein Volk, anders als die heutigen Völker, die sich gegenseitig zerfleischen. Das auch imstande ist, neue Beziehungen zwischen den Völkern, eine neue Welt aufzubauen, einen neuen Himmel und eine neue Erde. Ein organisch wachsendes, aus der Arbeit seiner Glieder sich entwickelndes Gemeinwesen, ein lebendiger Organismus, erfüllt mit dem heiligen Geiste der Hingabe und des Pioniertums der Menschheit, nicht aber die mechanische Regelung menschlicher Beziehungen, nicht die Organisation einer neuen Gesellschaft ist das Ziel dieser jüdischen Arbeitsbewegung. Diese palästinensischen Arbeiter, die rückhaltlos ihr Leben für ihre Wahrheit ein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.