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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung
Date
1920-01-01
Page
30 (sequence 5)
Language
German
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Gustav Mayer: Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung suchen. Und indem er dies zu tun glaubte, wurde er zum selbständigen Träger einer epochemachenden Idee. Wir dürfen weder rückwärts blicken, noch bezeichnen wir einen wesentlich neuen erst durch uns gewordenen Standpunkt des Geistes. Wir haben das nicht mehr nötig, ja wir dürfen das nicht mehr. Wir finden*) vielmehr unser Ideal vor uns. Uns ist von ganz andern Händen bereits die Meta gesteckt worden, nach deren Erreichung wir mit so langsamen und so schnellen Schritten als es tunlich ist, streben müssen. 1517 . war der Protestantismus ein weltbewegender Fortschritt. 1843 würde ein jüdischer Protestantismus im strikten Sinne ein vollendeter Rückschritt sein. Er würde den Schein auf uns werfen, als wären wir ohne Sinn und Verstand an den großen geschichtlichen Phänomenen und Entwicklungen der christlichen Welt vorübergegangen, als wollte man uns absperren von den Einflüssen und den Lehren, die uns die Historie seit dem 16. Jahrhundert gegeben hat. Der Protestantismus hat sich zum Rationalismus und dieser zur modernen Philosophie umgebildet. Das Judentum mit dieser letztern zu vermitteln, dürfte wohl, wenn ich nicht irre, als der Kern Ihrer Bestrebungen anzunehmen sein. Allerdings aber dürfte vorderhand noch freie ungehinderte Parrhesie innerhalb des Judentums nicht anzuraten sein. Unsere heutigen Juden und sogar die Gebildeten sind noch zu wenig geläutert durch das kritische Feuer, um das sogleich gutwillig aufzugeben, was sie bisher für ihr Teuerstes und Eigenstes zu halten gewohnt waren. Nichtsdestoweniger, glaube ich, müssen wir uns hüten, einen positiven Glaubensinhalt aufzustellen, der deswegen, weil er jene Theorie noch nicht erreiche, in kurzer Zeit mit der Zähigkeit des Bestehenden sich ihr ebenso starr gegenüberstellte als das talmudische Judentum den neuen reformatorischen Bestrebungen. Das Dilemma, das ich bezeichnet, ist also ein doppeltes und kurzweg das: Der Talmud ist zu negieren, an die Restaurierung des Mosaismus kann nicht gedacht werden, was werden Sie also als positiven Glaubensinhalt aufstellen? Ein solch positiver Glaubensinhalt dürfte aber wohl unumgänglich nötig werden. Ferner: Mit dem wahren Vollgehalt unseres Wissens und Denkens frei herauszutreten, ist noch nicht möglich. Zugleich muß aber darauf gesehen werden, nicht zu weit zurückzubleiben hinter den Errungenschaften der deutschen Wissenschaft und besonders darauf, daß nicht der Glaubensinhalt, der jetzt zu konstituieren, wenn er herausgetreten aus der Form seiner Flüssigkeit und sich zur historischen Gestalt verfestigt hat, seinerseits sich in den Gegensatz werfe zu der über ihn hinausgegangenen Theorie und seinerseits eine starre Schranke bilde, die erst unter den wiederholten Streichen der Theorie gestürzt werden müsse, um Fortgang möglich zu machen. — Was die zuerst erwähnte Schwierigkeit in bezug auf die Konstituierung eines dogmatischen Systems betrifft, so glaube ich, es dürfte am geratensten sein, die Entwicklung des Mosaismus beizubehalten, soweit sie vor dem kritischen Forum der Vernunft bestehen kann. *) Von „mehr" bis „finden" ist im Originalkonzept durchgestrichen.

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