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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung
Date
1920-01-01
Page
31 (sequence 6)
Language
German
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S. J. Agnon: Die Geschichte von Rabbi Gadiel dem Kinde 31 Es dürfte vielleicht hier das Beste sein, die Interpretation <äes Talmuds beizubehalten, soweit sie vor dem Forum der gesunden Vernunft bestehen kann. Wenigstens würde dies einen unendlich freien Spielraum gewähren. Auch dem Protestantismus konnte es nur durch seine freie, innerliche, oft höchst willkürliche Exegese des Evangeliums gelingen, sich eine Zeitlang in dem Ansehen zu erhalten, als sei er wirklich der Wiederhersteller jenes früheisten Christentums und des wahren Begriffs der apostolischen Zeit. Indem ich Ihre Antwort... 5. J. AGNON / DIE GESCHICHTE VON RABBI GADIEL DEM KINDE Rabbi Gadiel das Kind wurde seinem Vater geboren durch das Verdienst der Thora, welche er in seiner Jugend die Kinder aus Israel gelehrt hatte/ Und als Rabbi Gadiel zur Welt kam, war er so klein, daß nicht zu erkennen war, ob er ein Mensch sei. Als er ins Alter der Erziehung kam, begann sein Vater ihn in den Geboten und der Furcht Gottes zu erziehen, und machte ihm einen kleinen Talith mit Schaufäden aus Wolle von der ersten Schur und schnitt die Haare seines Kopfes über dem Grabe des Rabbi Simon ben Jochaj am Lag beomer und ließ ihm nur das Haar an den Schläfen stehen, und in der Tasche seines Kleides nahm er ihn mit sich zum großen Lehrhaus, morgens und abends, dort „Gepriesen sei Er und gepriesen sei Sein Name" und Amen zu sagen. Und sprach der Vorbeter einen Segensspruch, so antwortete ihm Rabbi Gadiel „Gepriesen sei Er und Gepriesen sei Sein Name" und antwortete Amen mit all seiner Kraft, und erhob seine Stimme, bis die Pfosten und Schwellen bebten, und man wußte nicht, von wo die Stimme ausging, denn Rabbi Gadiel war in der Tasche seines Vaters verborgen. Und als er in das Alter für die Schrift kam, setzte ihn sein Vater auf seine Tabakdose, und öffnete vor ihm eine Thora und erklärte ihm die Worte des lebendigen Gottes. Und er lernte mit ihm die ganze Thora, bis er in ihr las und übersetzte, wie es vorgeschrieben ist. Und so machte er immer mehr Fortschritte in der Lehre und lernte Schrift, Mischna, Halachoth und Aggadoth, babylonischen und jerusalemischen Talmud, Sifra und Sifre, Tossephta und Mechilta, das Buch von der Schöpfung, das Alphabet des Rabbi Akiba und das Buch von der Gestalt, und war wunderbar erfahren in der Weisheit der Kabbala. Und manchmal, wenn sein Vater über seinem Studium ein wenig einschlief, stieg Rabbi Gadiel von der Handfläche seines Vaters oder von der Tabakdose, auf der er saß, hinunter, und kam und setzte sich auf die Ränder der Blätter des Buches und wiederholte, was er gelernt hatte.

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