Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 29 (sequence 4)
- Language
- German
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Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung 29 unterwerfen. Als das letzte Stadium der Entwicklung, welches der Mosaismus als solcher erreicht hat, dürfte das rabbinisch-talmudische Judentum zu nennen sein. Der Talmud aber, obgleich wir ihn theoretisch als eine organische Weiterbildung des Mosaismus fassen müssen, ist bereits mit den Anschauungen und Theorien der Gegenwart in Widerspruch getreten; er bleibt bestehen als geschichtliche Substanz, für die Praxis aber muß er negiert werden. Bei dieser Negierung des Talmud tritt nun meines Erachtens ein Dilemma von nicht geringer Erheblichkeit ein. Sie nennen sich die jüdischen Protestanten. Es ist nun die Frage, inwieweit diese Analogie mit dem Protestantismus durchgeführt werden soll. Wollen Sie mit konsequenter Analogie das Judentum auf den altbiblischen Mosaismus zurückführen? Auch der Protestantismus hatte das Bestreben, auf das Urchristentum zurückzugehen, aber auch er konnte dies Ziel, das er sich gesteckt (die urgeschichtliche Idee), so wenig realisieren wie es heut der Religion gelingen würde, den altbiblischen Mosaismus ins Leben zurückzurealisieren, die überfliegende Transzendenz einer überwundenen Phase des Geistes nicht mehr in seine Gegenwart hineinzubilden. Vielmehr entfernt er sich unbewußt trotz alles Strebens nach jenem Ziel, trotz seiner Glaubens- und Gemütsinnerlichkeit auf der einen Seite ebenso weit von ihm, als es aüf der andern Seite der Katholizismus mit seiner Werkheiligkeit, seiner starren Äußerlichkeit und seiner Kanonisierung der weltlichen Künste getan! Daher kommt es, daß der Begriff des Protestantismus mit dem der apostolischen Zeit nicht identisch ist, sondern daß der Protestantismus mit seinem Ideale des Urchristentums und seinen Zugeständnissen an die schlechte Wirklichkeit, seinem Notstaat und seiner Ehe usw. unbewußt zu einer ganz neuen Stufe des Geistes geworden ist, sich einen ganz neuen Inhalt herausgestaltet hat*). Wir nun, denen die Entwicklungen in der christlichen Welt zur Belehrung gedient haben, wir müssen bewußt zu Werke gehen, wir müssen uns hüten vor dem Unternehmen, Rückgang zu gebieten dem dialektischen Fluß der Geschichte und aus seinem Bette eine längst verschlungene und zum Petrifakt gewordene Masse herauszuholen, um sie zum Fundament unserer lebensvollen Gegenwart zu machen. Es kann in der Geschichte auch nicht davon die Rede sein acta agere. Die Geschichte gleicht darin dem menschlichen Organismus. Sie kann nie eine bereits verdaute Substanz zum zweitenmal in ihren zersetzenden Prozeß aufnehmen, weil sie schon in dem ersten alle Säfte und Nahrungsstoffe aus ihr gezogen. Und ganz abgesehen von der Unmöglichkeit und Unrealisierbarkeit eines solchen ungeschichtlichen Schrittes, wie uns das Beispiel des Protestantismus selbst bekundet, befinden wir uns heute in einer wesentlich andern Lage. Der Protestantismus mußte, um die Welt aus den allmächtigen Banden des Katholizismus zu befreien, sein Ideal rückwärts *) Der mit „Vielmehr" beginnende Satz ist in dem Konzept, das reichliche Hinzufügungen enthält, aber die notwendigen Streichungen nicht immer vornimmt, durchgestrichen.