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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung
Date
1920-01-01
Page
28 (sequence 3)
Language
German
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Gustav Mayer: daß Karl Marx wie Friedrieh Engels zeitweise inmitten dieses Kreises gelebt haben; aber beide sind sie über den Nihilismus, der hier sein Wesen trieb, rasch hinausgewachsen. Als Lassalle 1844 nach Berlin übersiedelte, war das Treiben der Freien bereits schal geworden. Es hat auf ihn keine Anziehungskraft ausgeübt. So entschieden er sich in dem vorliegenden Brief zur „Autonomie des menschlichen Geistes" bekennt, so wenig finden wir ihn hier beflissen, mit Ludwig Feuerbach und seinen Jüngern den Weg des Atheismus zu beschreiten; hätte er dazu geneigt, so hätte eine Reform des Judentums ihm nicht mehr am Herzen liegen können. Ferdinand Lassalle an Theodor Creizenach (1843). Verehrter Herr Doktor! Mit nicht geringer Freude habe ich aus den Zeitungen vernommen, daß in Frankfurt a. M. von Ihnen ein Verein ins Leben gerufen worden sei, welcher es zum Zwecke hat, die Fesseln einer verrosteten Orthodoxie zu sprengen und die Autonomie des menschlichen Geistes in seine innerhalb des Judentums nun länger'als anderthalb Jahrtausende unterdrückten, aber unveräußerlichen ewigen Rechte wieder einzusetzen. Einem solchen Vereine, dessen unbestreitbares, unmittelbarstes Resultat es sein muß, das Judentum mit der Zeitbildung zu vermitteln, sich nicht anzuschließen hieße, ein Indifferentismus für die menschheitlichen Interessen, d. h, Irreligiosität, Sünde. Ich trete hiermit Ihrem Verein bei und ersuche Sie demnächst um Mitteilung der Bedingungen des Beitritts sowie um die Übersendung der von Ihnen und den Herren Dr. Stern und Rießer erschienenen Schriften, um mich aus diesen ausführlicher über die zugrunde liegenden Prinzipien zu unterrichten. — Nicht unerfreulich, glaube ich, wird es Ihnen sein zu hören, daß Sie sich aus Breslau mit Gewißheit die größte Teilnahme versprechen können. Daß unter den Juden Breslaus hinsichtlich religiöser Angelegenheiten eine gewisse Regsamkeit herrscht, werden Sie aus den hiesigen Rabbinatswirren hinlänglich ersehen haben. Ich selbst habe es mir hier angelegen sein lassen, Interesse für die jetzt unter so günstigen Auspizien ins Leben tretende Idee zu erwecken, und es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, daß Männer aus den angesehensten jüdischen Familien, ja Männer sogar, die durch eine Reihe von Jahren Obervorsteher der hiesigen Gemeinde gewesen sind, sofort bereit sind, diesem Verein beizutreten, sobald sie nur etwas Näheres über dessen Organisation werden vernommen haben. Auch in betreff unseres Rabbiners Herrn Dr. Geiger können wir Erwartungen hegen und nicht geringe. Ehe ich aber meinen Brief schließe, erlauben Sie mir noch eine Frage: — Sie fassen den Mosaismus als die höchste Abstraktion der Urzeit, also f 1 als eine historische Substanz, die, wie jede geschichtliche Idee, vermöge ihrer Natur genötigt ist, sich einer absoluten Entwicklung und Fortbildung zu

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