Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 27 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung 27 Partei ergriff. Gegen letzteren hegte er eine Privatranküne, weil dieser „Schurke, wie man noch keinen gesehen", eine dem Bruder willkommene Verbindung seiner einzigen Schwester mit einem gewissen Rosenthal hintertrieben hatte. Paul Lindau hat in seiner Ausgabe des berühmten Jugendtagebuches die Stelle nicht abgedruckt, wo es dazu echt Lassalleisch heißt: „Wenn ich das nicht räche, will ich verdammt sein solang ich lebe". Der Reformverein, zu dem Lassalle hier seinen Beitritt erklärt, war 1843 ins Leben gerufen worden. Der Adressat des Briefes ist zweifellos der auch als Dichter und Publizist bekannte Theodor Creizenach. Die drei Punkte auf welche die Mitglieder sich festlegen sollten, lauteten: 1. Wir erkennen in der mosaischen Religion die Möglichkeit einer unbeschränkten Fortbildung. 2. Die gewöhnlich mit dem Namen Talmud bezeichnete Sammlung von Kontroversen, Abhandlungen und Vorschriften hat für uns weder in dogmatischer noch in praktischer Hinsicht irgend eine Autorität. 3. Ein Messias, der die Israeliten nach dem Lande Palästina zurückführe, wird von uns weder erwartet noch erwünscht; wir kennen kein Vaterland als dasjenige, dem wir durch Geburt oder bürgerliches Verhältnis aligehören. Das Rundschreiben, das diese drei Artikel begleitete, betonte nachdrücklich: Die Absicht der Reformfreunde wäre nicht Zerstörung, sondern Schutz durch Läuterung der Formen, die Religion müsse von Entstellungen gesäubert, aus ihrer Erstarrung, die der Rabbinismus aufzeige, gelöst und die ewige Bildungsfähigkeit des Mosaismus anerkannt werden. Für die Einordnung des Reformvereines in die allgemeine Bewegung, die damals unter den deutschen Juden herrschte, sei verwiesen auf J. M. Jost, Neuere Geschichte der Israeliten, Bd. III, S. 212 ff. Lassalles Hoffnung, daß auch Abraham Geiger, der angesehenste unter den liberal, aber nicht revolutionär gesinnten deutschen Rabbinern der Zeit, sich mit dem Reformverein solidarisch erklären könnte, hat sich damals nicht erfüllt. Dieser schrieb vielmehr — wie im fünften JBand seiner nachgelassenen Schriften (Berlin 1878) zu lesen ist — unter dem 25, August 1843 ausdrücklich an Dr. M. A. Stern, der mit Rießer und Creizenach an dessen Spitze stand: „Was Dich betrifft, so packt Dich das Junghegeltum und Du folgst ihm, und Dein Streben nach Reform des Judentums äußert sich in einem ,Verein der Freien*. Da trennen wir uns entschieden. Ich bekenne es offen, ich verabscheue dieses Junghegeltum in seinem Subjektsdünkel, ich verabscheue jenes gemeine Ankämpfen gegen alle Demut in der Menschenbrust, gegen jedes Bewußtsein eigener Beschränktheit, gegen jede Ahnung eines Hohen...." Das unmittelbare religiöse Empfinden war in Abraham Geiger zu stark, als daß er nicht vor jenem durch keine Gefühlswerte gestauten Katarakt der Dialektik zurückgeschreckt wäre, der damals in dem schon bei den eigenen Zeitgenossen sagenumsponnenen Berliner Kreis der Freien alle überkommenen Werte, alle geschichtlichen Bindungen als Trug und Firlefanz ins Meer der Vergänglichkeit hinausspülen wollte. Man weiß,