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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Ferdinand Lassalle und die jüdische Reformbewegung
Date
1920-01-01
Page
26 (sequence 1)
Language
German
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26 Gustav Mayer: GUSTAV MAYER I FERDINAND LASSALLE UND DIE JÜDISCHE REFORMBEWEGUNG ill man die Menschen von heute in das Zeitalter ihrer Großväter zurückrufen, so muß man sie erst darüber aufklären, eine wie andere, eine um wieviel zentralere Bedeutung im öffentlichen Leben sowohl der Deutschen wie der unter ihnen lebenden Juden damals den religiösen und philosophischen Problemen zukam. Erst mit der Intensivierung des wirtschaftlichen Prozesses und mit den Erfolgen des politischen Liberalismus ist das Bedürfnis nach religiöser Einkehr und weltanschaulicher Vertiefung den Massen des Bürgertums abhanden gekommen. Jene Bemühungen, die eine Reform der jüdischen Religion aus dem Geist der Zeit heraus ins Auge faßten, hatten im Vormärz keineswegs, wie ihre Gegner im jüdischen Lager es öfter behaupten, bloß politische oder gar bloß opportunistische Beweggründe. Gewiß, überaus stark schwang der Wunsch mit, dem deutschen Volk zu zeigen, daß die deutschen Juden nichts anderes mehr als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens sein wollten und wie ungerechtfertigt es deshalb wäre, ihnen noch fernerhin die volle politische Gleichberechtigung vorzuenthalten. Daneben finden sich aber doch auch innerlichere Triebkräfte am Werke, und diese waren aufs engste verknüpft mit dem das Zeitalter erfüllenden umfassenden Kampf gegen die Tradition und die autoritären Gewalten im Himmel und auf Erden, der bekanntlich in den Reihen der junghegelschen Schule seine furchtlosesten, konsequentesten und fruchtbarsten Streiter fand. Den Fäden, die von David Friedrich Strauß und den Fortsetzern seines Werkes, von Bruno Bauer, Arnold Rüge und den anderen zu den Erweckern der jüdischen Reformbewegung hinüberführen, kann hier nicht nachgegangen werden. So verdienstlich es gewesen wäre, hat bis heute, soweit ich sehe, noch keine Untersuchung in monographischer Form diesen Zusammenhängen nachgespürt. Wer aber in Zukunft an eine solche Aufgabe herantreten wird, der darf nicht vorübergehen an dem Brief des achtzehnjährigen Ferdinand Lassalle, der auf Grund eines an Abkürzungen und Streichungen reichen Konzeptes, das sich in seinem Nachlaß fand, hier seinen ersten Abdruck finden möge. Nur weniger Worte bedarf es, bevor der Schreiber selbst das Wort erhalten kann. Daß Lassalle, der zum bloßen Schauen nun einmal nicht geboren war, auch an den in jenen bewegten Jahren so lebendigen Parteikämpfen innerhalb des Judentums persönlichen Anteil genommen hat, war bisher unbekannt. Ausführlicher darauf einzugehen wäre erst bei einer allgemeinen Überprüfung dessen, was Lassalle für die Judenheit und das Judentum für Lassalle bedeutet hat. Ein anderes Manuskript, das sich in seinem Nachlaß findet, zeigt, wie er bei den bekannten Breslauer Rabbinatswirren für Abraham Geiger, den Vorkämpfer der liberalen Bestrebungen, und gegen Tiktin, das Oberhaupt der Orthodoxie,

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