Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Kompromiss des deutschen Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 24 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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24 Moritz Bileski: tums auf der Religion beruhe. Die Übereinstimmung dieser Überzeugung mit dem wirklichen Leben ist schon so oft und nachdrücklich widerlegt worden, daß sich Wiederholungen hier erübrigen. Es ist gezeigt worden, daß die lebendige Flamme eines religiösen Gefühls, die Kraft einer entschiedenen Überzeugung und die Weihe des ganzen Lebens, die sich aus dieser Verbundenheit mit der Religion ergeben müßten, dem deutschen Judentum unbekannt sind. In zahlreichen Einzelheiten zeigt sich immer wieder, wie wenig diese angebliche Grundlage des jüdischen Lebens innerlich anerkannt ist. Wenn sie das Leben wirklich erfüllte, so müßte sie doch, wenn schon keine einheitliche Entschiedenheit vorhanden ist, Gegenstand eifrigsten Suchens und lebhaftesten, vom Feuer der Begeisterung erhitzten Meinungsstreites sein. Statt dessen hören wir unausgesetzt, daß die religiöse Stellung des Einzelnen ganz gleichgültig sei. Neutralität in religiösen Fragen ist oberster, wohlgefällig verkündeter Grundsatz, Neutralität in einer Sache, die den Sinn des Lebens bestimmen soll! Die Auffassung des Zentral Vereins als eines religiösen Vereins, die doch freudig anerkannt werden müßte, wenn die Religion das wäre, was die Mitglieder dieses Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens kennzeichnet und zusammenhält, wird als Vorwurf empfunden und mit der mühevollen Konstruktion zurückgewiesen, daß die Religion nur den Kreis der Mitglieder, nicht den Zweck des Vereins bestimme. Und die Geschlossenheit und Sicherheit der vertretenen Anschauungen zeigt sich deutlich, wenn als Folge dieses Gedankens der Verein als politisch bezeichnet, gleichzeitig aber von diesem aus Ju4en bestehenden, politischen Verein die Möglichkeit einer jüdischen Politik entschieden geleugnet wird. Die deutschen Juden bezeichnen heute nicht mehr die Religion allein als das Gebiet, auf dem der Inhalt ihres Wesens zu sichern wäre. Eine sehr deutliche Entwicklung hat dazu geführt, die ursprüngliche Alleinherrschaft des religiösen Elements zurückzudrängen. Während man zunächst nur die Glaubensgemeinschaft kennt und immer wieder betont, daß nur aus der Religion die Verbindung der Juden erklärt werden könne, macht sich später der Einfluß der nationalen Bewegung bemerkbar. Man wehrt sich gegen das nationale Judentum, aber die Auseinandersetzung mit den nationalen Gedankengängen, zu der man sich gezwungen sieht, verändert auch die eigenen Anschauungen in erheblichem Maße. Man fühlt jetzt die Verpflichtung, sich gegen einseitige Assimilation und für die Wiederbelebung des Judentums auszusprechen. Freilich zeigt sich dabei sogleich wieder die Halbheit aller Vorstellungen. Denn die Ablehnung der Assimilation geschieht nie ohne den Zusatz, daß man die Erscheinungen des Ghetto überwinden und „mit Kaftan und Stirnlocke brechen" müsse. Diese starke Betonung der Abneigung gegen das Ghetto verrät schon eine gewisse Übereinstimmung mit der Assimilation. Assimilantische Gefühle zeigen sich aber besonders deutlich in dem eifrigen, überall zü bemerkenden Bemühen um den Nachweis, daß man eigentlich garnicht anders wäre, als die andern. Auch wir waren früher Helden und Acker-