Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 25

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Das Kompromiss des deutschen Judentums
Date
1920-01-01
Page
25 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101165-3105124--3784-3105182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Kompromiß des deutschen Judentums 25 bauer, unser Liberalismus ist eigentlich konservativ, die Bolschewiki dürfen uns nicht angerechnet werden, außerjüdische, nicht in unserem Wesen begründete Schicksale sind schuld, wenn es in diesen Beziehungen heute Unterschiede zwischen den Juden und der Umwelt gibt. Diese Neigung gehört sogar zu einem typischen und besonders unschönen Zuge der Assimilation, der Perversion guter, jüdischer Instinkte, Fuchs z. B. kennt den Gegensatz von sittlichen und physischen Kräften, er spricht davon, daß alles, was bloß auf rohe Kraft gestützt ist, vom Geist der Wahrheit und Gerechtigkeit besiegt werden muß. Aber die einzige Stelle, wo Fuchs diesen Geist erwähnt, soll dazu dienen, den deutschen Krieg zu rechtfertigen. Und die wirkliche, verpflichtende Kraft dieser Gesinnung wird genügend bezeichnet, wenn gleich hinterher ausgeführt wird, daß es eigentlich auf die Frage des Rechts garnicht ankäme, da der Kampf um die Existenz gehe. Die Möglichkeit, für den Sieg der Gerechtigkeit seine Existenz einzusetzen, die Auffassung, daß die eigene Existenz auf der sittlichen Idee beruhen müsse und ohne sie wertlos sei, scheint also für Fuchs garnicht in Frage zu kommen. Wir haben hier zugleich ein Beispiel für die wirkliche Kraft des so oft bemühten religiösen Gedankens. Indessen hat sich trotz dieser zweifelhaften Haltung zur Assimilation eine wichtige Änderung vollzogen. Man sieht im Judentum nicht mehr eine allein religiöse, sondern eine Stammeseigentümlichkeit. Die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens bekennen sich zum jüdischen Stamm. Zunächst freilich bemüht man sich, auch diese Stammesbesonderheit nur in religiösen Werten zu suchen. Das würde eine rein terminologische Konzession an die nationale Entwicklung bedeuten. Aber bald setzt sich die Erkenntnis durch, daß die Besonderheit des Stammes nicht nur auf religiösem Gebiet, sondern in einer besonderen Prägung der ganzen geistigen und auch körperlichen Erscheinung liege. Diese scheinbar sehr bedeutsame erkenntnismäßige Entwicklung wird ergänzt durch den Entschluß und die Forderung, den Stolz auf die eigene Art festzuhalten. Der jüdische Geist und das jüdische Herz soll erhalten werden, die Renaissance des Judentums wird auch vom Zentralverein als erstrebenswertes Ziel bezeichnet. Es wird sogar ausgesprochen, daß man keine Veranlassung habe, restlos in der deutschen Kulturgemeinschaft aufzugehen, weil man das wervolle Erbe der Vergangenheit bewahren wolle. Diese Entwicklung könnte so gedeutet werden, als ob sich nun eine gewisse Einheitlichkeit in der Grundauffassung des Judentums durchgesetzt hätte, die eine einheitliche Stimmung und die Fähigkeit zu einheitlichem Handeln zur Folge haben könnte. Das ist indessen unrichtig. Eine weitere Betrachtung wird zeigen, daß die Gegensätze in voller Schärfe bestehen geblieben sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.