Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Das Kompromiss des deutschen Judentums
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 22 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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22 Moritz Bileski: Ehren zu bringen? Und warum empfinden besonders die Juden diese Verpflichtung? Es ist nicht einzusehen, daß gerade für sie der Rechtsstaat und die Menschenrechte, die Gedanken, die den Menschen ausschließlich als vernünftiges Wesen begreifen und von da aus sein Leben gestalten wollen, die letzten Offenbarungen sein sollen. Das geistige Leben der deutschen Juden wird von anderen Kräften bestimmt. Die Erkenntnis von der Mannigfaltigkeit der menschlichen Seele, die ganze geistige Bewegtheit des 19. Jahrhunderts ist an ihnen nicht ganz spurlos vorüber gegangen. Wie erstaunlich ist es, daß trotzdem Ideen einer vergangenen Zeit für sie eine so große Bedeutung haben und gerade im Kampf gegen den Antisemitismus verfochten werden müssen. Aber lassen wir die Untersuchung, wie weit die vorgetragene Theorie die Geister wirklich erfüllt. Wenn die deutschen Juden es als Sinn ihrer organisierten Gemeinschaft empfinden, die Grundlagen des Staates zu sichern, so müßte man erwarten, daß sich bei ihnen eine leidenschaftliche Teilnahme an den Aufgaben des Staates gezeigt hat. Mit besonderem Eifer hätten sie sich über die Gefahren Rechenschaft geben und auf Rettungsmittel bedacht sein müssen. In Wahrheit ist die Masse des deutschen Judentums unpolitisch gewesen, eine besondere Beachtung oder besonderes Verständnis der großen, so naheliegenden Aufgaben der inneren und äußeren Politik ist nicht zu erkennen. Es herschte dieselbe Teilnahmslosigkeit oder schwächliche, bevormundetete und verantwortungslose Anteilnahme wie überall. Es gab keine entschiedenen, im Feuer der Notwendigkeit gehärteten Überzeugungen, keine v/irklichen Lebensinhalte, sondern nur halbinteressierte, zur Neutralität und zum Kompromiß bereite Stimmungen. Das Interesse an der Sicherheit des Staates und des Bürgerfriedens wird man allerdings ungezwungen mit dem Wunsch erklären können, die erreichte Stellung, den erworbenen Besitz zu bewahren. Es braucht nicht weiter untersucht zu werden, wie weit diese Auffassung, die in der Ruhe die erste Bürgerpflicht sieht, in einer Zeit genügen konnte, die — wie die Ereignisse gelehrt haben — zu Umwälzungen führen mußte. Diese Stimmung, diä das Glück des stillen, wohlgeschützten Heims preist und deswegen den braven Bürger gegen Umsturz und Bewegung und den Geist der Unruhe aufruft, ist fern von den starken Strömungen der Zeit. Ihre Träger verstehen sie nicht und können daher auch nicht mit ihren eigenen Angelegenheiten auf sie wirken. Peinlich ist die Folge dieser Unzulänglichkeit, daß der Kampf für die Stellung der Juden im Staate dazu zwingt, heute Einrichtungen und Anschauungen anzuerkennen, die im Widerspruch zu dem gestern Gültigen und damit als schutzwürdig Anerkannten stehen. Die erwähnte Begründung des Abwehrgedankens beherrschte zunächst die Rechtfertigungsversuche für jüdische Abwehraktionen, sie wird auch heute noch in weitem Umfange verwendet. Die Bewegung gewann den größten Teil des deutschen Judentums, soweit es überhaupt noch in der Lage war, auch