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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Heidentum, Christentum, Judentum
Date
1920-01-01
Page
19 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Heidentum, Christentum, Judentum 19 dung der sinnlichen von der übersinnlichen Welt vollzogen. Keine Brücke führt hinüber, nur der Opfertod Christi, durch den der Mensch als durch ein Wunder Erlösung empfängt. Der Schauplatz dieses Wunders ist ausschließlich die Seele des Einzelnen. Das Individuum wird zum Hebel des Weltalls eingesetzt. Die Gemeinschaft erscheint ins Spirituelle gerückt, eine Kirche der Geister und nicht der Leiber. Eine andere Organisation als diese, andere Heilmittel als diese werden für gleichgültig gehalten, wo nicht schädlich. Denn jede Organisation setzt einen Schritt in die diesseitige Welt voraus und ist damit schon etwas Befleckendes, Realität befleckt Die Vernünftigkeit als Instrument jeder Organisation von Mensch zu Mensch verliert neben dem alleinherrschenden Gefühl jeden Wert. „Sorget nicht für den morgigen Tag." „Mein Reich ist nicht von dieser Welt." — Das isolierte Individuum, der „Mönch" und der „Heilige" sind Typen dieses Ethos. Es kann hier nur ganz oberflächlich angedeutet werden, inwiefern es für das Judentum charakteristisch ist, allem Materiellen einen geistigen Sinn zuzuerkennen, es mit dem Geiste zu durchdringen. Während das Christentum in der Auslöschung, Vernichtung, Verneinung der sichtbaren Welt den Weg zum Geist sucht, will und muß das Judentum durch diese sichtbare Welt mitten hindurch, um sie zu heiligen. Die sichtbare Welt ist als Basis der geistigen (und nur als diese) wichtig, weshalb auch alle materiellen Verhältnisse sorgfältig beachtet, durchdacht und durchfühlt werden sollen. Niemals wird von ihnen einfach abgesehen. Diese Erleichterung erscheint hier unsittlich. Zur Bezwingung der schweren Aufgabe bedarf der Mensch aller Kräfte, des Gefühls, aber auch der Vernunft. Dabei ist wesentlich, daß dem unmittelbar zu Gott sich aufschwingenden Gefühl und der mühsam ins Kleine arbeitenden Vernünftigkeit (Organisation) verschiedene Rollen zugewiesen werden; doch beider wird gedacht, beide haben göttliche Sendung, göttliche Weihe. Symbolhaft finde ich diese Doppelseitigkeit der menschlichen Bestimmung im Talmud angedeutet, dessen Struktur eine undurchdringliche Verflechtung von mystisch-poetischen Fragmenten (Hagada) und strengem Gesetz (Halacha) zeigt. .. Da das Zauberwort „Talmud" nun schon gefallen ist, will ich die Gelegenheit nützen und einfürallemal nachdrücklich erklären, daß nicht das heutige Judentum in seiner Erschlaffung und Entartung gemeint ist, wenn ich von der religiösen Einstellung im jüdischen Sinn spreche. Sondern sehr weniges von den heutigen Ansätzen eines neuen jüdischen Lebens ist gemeint und der unermeßliche Schatz der Überlieferung, so schlecht verwaltet, so ungenützt, so mißbraucht — und doch so reich an Entscheidendem, an dem, was Not tut. Heidentum und Christentum zeigen gerade infolge der Überspannung ihrer Gegensätzlichkeiten eine starke Affinität zueinander. Es kommt zu der merkwürdigen Tatsache von Amalgambildungen aus Christentum und und Heidentum, deren Sein und vor allem deren Notwendigsein nachzuweisen eine der Hauptaufgaben dieser Schrift ist. Das Judentum, das sich 2*

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