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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Heidentum, Christentum, Judentum
Date
1920-01-01
Page
20 (sequence 5)
Language
German
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20 Moritz Bileski: außerhalb des schroffen Gegensatzes von christlichem „Nein" und heidnischem >Ja"> jenseits dieses Gegensatzes, in einer heute fast noch unbekannten Sphäre bewegt, zeigt sich zu solchen Amalgambildungen weniger geneigt. Dagegen ist die Form, die das Christentum heute angenommen hat und die ich als „Neuchristentum" bezeichne, ganz besonders geeignet, unter verführerischestem Glaubensglanz mit dem Heidentum zu verschmelzen. Es ist daher durchaus konsequent, wenn ein literarischer Führer dieses Neuchristentums, Franz Blei, immer wieder darauf hinweist, daß das Christentum sich von seinem jüdischen Ursprung fortentwickelt hat und eine europäische Angelegenheit arischer Völker geworden ist. Diese" gern gesehene Entjudung des Christentums ist nichts als ein anderer Ausdruck für die christlich-heidnische Amalgambildung. — Und ein anderer dieser Neuchristen, der gedankenreiche subtile Philosoph Max Scheler, konnte zu Beginn des Weltkrieges ein Buch („Der Genius des Krieges") veröffentlichen, /n dem aus den Prinzipien des Katholizismus hervor eine „heroische", „deutsche", also stockheidnische Weltanschauung gerechtfertigt und der Krieg heil ggesprochen wird. Andere Strömungen im Christentum widerstreben allerdings diesen Amalgam-Tendenzen durchaus. Sie allein sind es, in denen der jüdische Geist Seelenverwandtes findet. Dante, der große Liebende und große Universalpolitiker eines Friedensreiches auf Erden, und Kierkegaard, der „kraft des Paradoxes" das Diesseits ergreift, sind die erhabenen Gestalten dieses strengen Christentums, das den Versuchungen des Heidentums am weitesten entrückt ist. MORITZ BILESKI / DAS KOMPROMISS DES DEUTSCHEN JUDENTUMS In der Zeit der Emanzipation bestimmte eine gradlinige und eindeutige Bewegung das deutsche Judentum. In allen Erscheinungen zeigte sich das Bestreben, die Einzelnen der Umgebung anzugleichen, die Kräfte, die der Gesamtheit eigene Geltung geben, in ihrer Bedeutung zu verringern oder aufzulösen. Diese Einheitlichkeit der Richtung ist im deutschen Judentum der letzten Jahrzehnte nicht mehr vorhanden. Wir sehen, im Gegensatz zu unverhüllten und bewußten Auflösungstendenzen, die nationale Bewegung, die in der Emanzipationsepoche die Möglichkeit gefunden hat, die jüdische Gesamtheit dem Leben der Gegenwart und Zukunft anzuschließen. Die überwiegende Masse des deutschen Judentums aber folgt anderen Zielen. Sie ist bemüht, sich eben diesen beiden Gruppen, die nach der reinen Logik der Geschichte allein existenzberechtigt zu sein scheinen, als Besonderheit mit dem Anspruch auf eigenes Leben, bewegt von ihr eigentümlichen geistigen Kräften, nachzuweisen.

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