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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 1 · p. 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 1
Article
Heidentum, Christentum, Judentum
Date
1920-01-01
Page
18 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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i8 Max Brod: tendenz), daß sie auf den ungetauften Zustand ihrer Nationen zurückgreifen. Arier, Germanen, Gallier, Gaulois, Hellenentum, der „Antichrist" Nietzsche und (mit Einschränkungen) der „Olympier" Goethe, der „Egoist" Stendhal und Stirner, der „Einzige", die „Adelsmenschen" Ibsens (Rosmersholm), jede Philosophie, welche die Ordnung des Diesseits ohne Eingriffsversuch anerkennt, Physiokratie und Manchester tum, die liberale Devise vom Laissez faire, der orthodoxe Marxismus mit seiner „notwendigen" Evolution, die antike Polis und der „alte Preußengeist", Monismus, biologische Betrachtungsweise, Treitschkes Staatsgedanke und die Anbetung des „Historisch-Gewordenen" — das alles sind ebensoviele Entfaltungsformen desselben heidnischen Ideals, welches auf dem Wege der natürlichen, ungebrochenen Fortentwicklung der sichtbaren Welt die Erreichung einer absoluten Gotteswelt anstrebt. Alle hier und jetzt sich durchsetzenden Triebe und Kräfte werden heiliggesprochen: der Machttrieb des Einzelnen, wie der kollektive Machttrieb des Staates. Nicht etwa so ist das zu verstehen, daß über die sichtbare Welt hinaus keine zweite bessere unsichtbare gebildet wird. Auch das Heidentum hat Götter und Ideale, aber sie sind nach dem Abbild des Irdischen geformt. — Die Tugend des Heidentums ist Herrenmoral, kriegerischer Sinn, Aristokratismus, Gesundheit, Kraft, Wagemut, Tüchtigkeit. Seine Gemeinschaft, ist auf Herrschen und Dienen, Über- und Unterordnung gegründet, das Ideal der Gemeinschaft wird in der Gefolgschaft, das Ideal des Einzelnen im „Helden" oder auch im schrullenhaften „Eigenbrödler" gefunden. Christlich ist vollständige Verneinung aller natürlichen Triebe, also äußerste Negation des Heidentums. Die Triebe sind „sündhaft", sind der „alte Adam", der ausgezogen werden muß, sind die „Erbsünde", die nach einer kirchlichen Autorität wie Bellarmin im Verluste unserer übernatürlichen, d. h. also geistig freien Natur besteht (ex sola doni supernaturalis ab Adae a * peccatum amissione). „Der Leim, aus dem wir gebildet] worden, ist verdammlich", erklärt Luther, und Calvin drückt es am schärfsten aus: Ex corrupta hominis natura nihil nisi damnabile prodire (Aus der verderbten Natur des Menschen kann nichts als Verdammnis hervorgehen). — Das Erreichen einer höheren Stufe ist daher nach übereinstimmender christlicher Ansicht nur durch ein Wunder möglich (Gnadenwahl, gratia praeveniens), wobei der Streit zwischen den Protestanten und der mildesten katholischen, etwa von Moehler formulierten Ansicht nur darin besteht, ob die guten Werke, der Glaube und die Liebe (fides formata) neben dem Verdienst Christi ganz unnütz, ja schädlich oder demutsvolle Nebensache sind. Das Konzil von Trient hat ausdrücklich die Rechtfertigung als eine „unverdiente" (gratis) festgelegt. „Gratis autem justificari ideo dicamur, quia nihil eorum, quae justificationem praedeunt, sive fides, sive opera, ipsam justificatjonis gratiam promeretur." („Deshalb soll die Gnade eine unverdiente genannt werden, weil nichts der Rechtfertigung Vorangehendes, weder Glaube noch gute Werke, die Gnade der Rechtfertigung verdient.") So hat das Christentum die radikalste Schei-

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