Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Heidentum, Christentum, Judentum
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 17 (sequence 2)
- Language
- German
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Heidentum, Christentum, Judentum 17 so wichtigen Unterschiede in den ethischen Konsequenzen, wie sie zwischen den verschiedenen Religionen der Erde bestehen.** Ich hebe drei solche Gedankensysteme, drei typische Geisteshaltungen, die das religiöse Erlebnis „für sich konfiszieren", heraus. Sie sind nicht nur die praktisch wichtigsten, sondern auch die extremsten, sind gleichsam die Ur-Möglichkeiten der menschlichen Seele, die einfachsten Elemente, auf die sich alles andere zurückführen läßt, die sich unter anderen Namen überall wiederholen. Unjl in ihren Extremen definiere ich sie, unbekümmert darum, daß diese Extreme nicht durchaus von der historischen Erfahrung verifiziert werden können. Nicht die geschichtlichen Erscheinungsformen von Heidentum, Christentum und Judentum sind mein Gegenstand, sondern der Sinn, das Wesen dieser drei Einstellungen, die reine Idee der heidnischen, christlichen, jüdischen Gotteserkenntnis, wie sie sich in den geschichtlichen Formen mehr oder minder getrübt offenbart. Fürs erste muß meine Ansicht von der Idee der drei. Systeme hingenommen werden. — Ihrer Prüfung dient das ganze Buch. Heidentum ist Diesseitsfortsetzung. Die transzendente Welt ist vorhanden, sie stellt aber nichts anderes als eine Fortsetzung, Vergrößerung, Intensivierung des diesseitig Bekannten dar. Das Christentum steht unter der Idee der Diesseitsverneinung. Es sieht das Göttliche im Bilde einer Negation des Diesseits, erstrebt die Auflösung der sichtbaren Welt zu Gunsten der unsichtbaren. Das Judentum . . , Hier kann eine auch nur halbwegs zutreffende Bestimmung nicht oder noch nicht gegeben werden. Man kann nur abgrenzend sagen: Das Judentum sagt zum Diesseits weder Ja noch Nein, sondern — etwas anderes. Was dies „andere" sei, werde "ich erst viel später im Laufe dieser Untersuchung angeben können. Mit dem Begriff der Diesseitsverneinung ist freilich auch nicht das ganze Christentum erfaßt, doch immerhin die Grundtendenz seiner europäischen Gesamtentwicklung, während im Urchristentum der Evangelien und im Sein und Wirken hervorragender Einzelchristen (Dante, Kierkegaard u*a.) allerdings Keime einer ganz andern Richtung liegen. Hiervon wird später ausführlich gehandelt. Zur vorläufigen Orientierung über meinen Begriff von Heidentum, Christentum, Judentum diene das Folgende! (Doch sans phrase nur „vorläufig". — Die hier gegebene Darstellung wird im folgenden mannigfach berichtigt werden, ist schematisch und unexakt.) Das Heidentum billigt die materielle Welt vollkommen und unumschränkt. Die heutigen Heiden haben zwar zumeist das Christentum beibehalten, ihre Terminologie aber verrät schon (oft mit archaisierender Neben- Heft 1