Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Heidentum, Christentum, Judentum
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 16 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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16 Max Brod: MAX BROD l HEIDENTUM, CHRISTENTUM, JUDENTUM*) Ich sehe die heutige europäische Welt von drei Geisteshaltungen beherrscht: vom Heidentum, Christentum, Judentum. Drei Möglichkeiten, die letzten Dinge des Daseins zu deuten. Drei Versuche, die sichtbare Welt mit einem göttlichen Jenseits zu verknüpfen. Drei Reaktionsweisen der menschlichen Seele auf das religiöse Erlebnis, und der Stand ihres Kampfes miteinander, Steigen und Sinken ihrer Einflußsphären sind die im tiefsten Grunde bestimmenden Elemente alles Geschehens, Auch die Universalzertrümmerung der menschlichen Kultur, der Welt- Raubkrieg, den wir erleben, ist nichts als eine der letzten Folgen der Machtverteilung von Heidentum, Christentum, Judentum . . . Nicht um gesetzliche, offizielle Macht handelt es sich, wenn ich dies ausspreche, sondern um den geheimen Zauberbann, den diese drei Denk- und Gefühlsweisen auf die Seele der Menschheit gelegt haben. Verschieben sich die Machtsphären der drei religiösen Möglichkeiten gegeneinander, so gewinnt die Zukunft Europas ein anderes Bild. Die Zukunft Europas (wobei alle Erdteile der weißen Rasse inbegriffen sind) hängt davon ab, ob Heidentum, Christentum oder Judentum zur führenden Geistesmacht der Zukunft aufsteigen wird. Es sei gleich gesagt: das Heidentum hat die größten Aussichten auf diese Herrschaft, Genauer gesagt: eine Amalgambildung von Heidentum und Christentum steht heute im Aufstieg und droht in den Zenith der Welt zu klimmen. Irgendwo abseits, mißverstanden dunkelt das Judentum- So liegen die Dinge heute. Dies ist die abscheuliche Situation, die meinen kritischen Versuch herausfordert. Drei Wege? Es kann doch nur einen geben, da es nur ein Absolutes, einen Himmel gibt! Auf diesen Einwand erwidert Max Weber in einer seiner religionsgeschichtlich-soziologischen Untersuchungen : „Das religiöse Erlebnis als solches ist selbstverständlich irrational wie jedes Erlebnis. In setner höchsten, mystischen Form ist es geradezu das Erlebnis xaz k%o%r\v und — wie James sehr schön ausgeführt hat — durch seine absolute Inkommunikabilität ausgezeichnet: es hat spezifischen Charakter und tritt als Erkenntnis auf, läßt sich aber nicht adäquat mit den Mitteln unseres Sprach- und Begriffsapparats reproduzieren . . . Aber diese Irrationalität. . . hindert nicht, daß es gerade praktisch von der allerhöchsten Wichtigkeit ist, von welcher Art das Gedankensystem ist, welches das unmittelbar religiös „Erlebte" nun für sich, sozusagen, konfisziert und in seine Bahnen lenkt; denn danach richten sich die meisten jener praktisch :) Aus der Einleitung des gleichnamigen, noch unvollendeten Buches.