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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 575

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Probleme der Religionspsychologie [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
575 (sequence 7)
Language
German
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Bücherschau 575 Die Horner des Totemstieres z. B. (oder des Widders, wo dieses Vieh öfter als der Stier vorkommt) als Symbole der Kraft eignen sich besonders zu Mitteln der Identifizierung. Als dann eine spätere kulturhistorische Zeit den Hörnern Töne abzugewinnen lernte, bedeuteten diese Töne bald nichts anderes als die Stimme des Totemtieres —- Gottes, und wurden ebenfalls ein Mittel der Identifizierung. Gewissensbisse aus dem Unbewußten reagieren auf diese Gottesstimme, die eine Mahnung sein soll, die eingegangene Brith nicht zu brechen nnd Vater-Gott nie mehr zu morden, — gleichzeitig aber stürmen die verdrängten Vatermordgelüste beim Klang dieser Mahnung mit erneuter Kraft auf den Menschen ein. In der Wirkung der Schofartöne spielt sich die Erinnerung an das Unterbrechen, seine Verpcnung — und auch der erneute Trieb es zu wiederholen ab. Daher die (angeblichen) starken Affekt Wirkungen der Schofarklänge. „Der Klang des Schofar — sagt Reik — ist die Stimme Gottes", er erinnert unbewußt an jene alte Untat und mahnt zur Reue und Besinnung. „Aus der seelischen Stärke des unbewußten Impulses des Vatermordes und aus der Intensität seiner Abwehr verstehen wir es, daß das Schofarblasen — am Neujahrstag bis 30mal*) wiederholt werden muß. Die sich immer geltend machende Versuchung zum Durchbruch der verpönten Regungen macht eine immer wieder erneute Abweisung und Erinnerung an die verhängnisvollen Folgen jener Tat notwendig: „die Bewußtseinsinstanz mobilisiert ständig das Schofarblasen zur Abwehr". — Die Vaterstimme erinnert nicht allein an das Urverbrechen, sondern auch an die Todesstrafe für die Übertretung der Brith, daher die Affektwirkungen. Diese Vorstellung soll noch im Glauben, daß am Neujahrstag über Leben und Tod des Menschen entschieden wird, in abgeblaßter Form wiederzuerkennen sein. — *) Stimmt durchaus nicht Es soll wohl heißen bis zu 30 Tönen. Die gewöhnliche Schofarordnung besteht eben aus 30 Tönen; aber außer den „Tekijoth meumad" werden noch die Tekijoth mejuschab geblasen, jeweils nach Malahijoth, Si chrono th und Schofroth (Mischnah Rosch haschanah 4. 5). Manche Übergewissenhafte, befürchtend, daß sie die 30 Töne nicht alle in gleich großer Reinheit und Aufmerksamkeit angehört haben, lassen sich am Schluß des Gottesdienstes, nachdem bereits die Mehrzahl der Gemeinde auseinandergegangen ist, ohne Benediktion die 30 Töne rasch noch einmal vorblasen. Also, bis 3 mal zu 30 Tönen; — der übliche „Zaun um den Zaun", aus dem nichts Besonderes geschlossen werden darf! 8. In sehr scharfsinniger Weise versucht Reik die Identität des Schofartones mit der Gottesstimme für das primitive Bewußtsein mit Hilfe eines Stückes gewandter Exegese nachzuweisen. Im „kol schofar" des Berichtes der Ssinajtheophanie will Reik die Stimme Gottes erkannt haben, weil sonst im ganzen Bericht das Reden Gottes mit keinem Wort erwähnt wird. Allerdings ist diese Spitzfindigkeit nicht notwendig. Der Satz: „Wajhi koloth ubrakim weanan kabed al-hahar wekol schofar chasak meod" muß nicht: „Und es gab Donner und Blitze usw." übersetzt werden, um erst in „Kol schofar" die Stimme Gottes zu finden. Mindestens ebenso berechtigt wäre die Übersetzung: „Und es gab .Stimmen und Blitze usw." Diese Stimmen Gottes werden gleich Donnern von Blitzen begleitet. Reik kann im ganzen Bericht nicht das Wort finden, das Gottes Sprechen erwähnte —, weil er es in „Wajhi koloth" nicht erblicken will. „Kol" bedeutet ebenso Rede, Einspruch, Rat wie Ton und Stimme und wird oft gebraucht, wo es sich um. einen besonders eindringlichen Zuspruch, Gebot, Rat, Weisung, Befehl (schemoa bekol usw.) handelt. Diese Bedeutung wäre also bei der Gebotsverkündigung durchaus angemessen. Die Weisungen Gottes erscheinen*) hier von Blitzen begleitet. Es darf nicht außer acht gelassen werden, daß jede primitive Religion im Donner die Stimme Gottes hört; was Wunder, wenn man sich auch später, in Zeiten entwickelterer Religion, die Stimme Gottes donnerartig vorgestellt hat. Der angeführte Satz lautet also frei übersetzt etwa: „Und es gab befehlende, donnernde Stimmen Gottes (oder der Götter) von Blitzen begleitet usw." Einen Beweis für die Richtigkeit der Übersetzung des Wortes „koloth" mit Gottes Stimmen oder Worte erblicken wir im späteren Satz: Wehaelohim jaanenu bekol (nicht also bekol schofar). Dieses „bekol" schlechthin kann, sich offenbar nur auf die „koloth ubrakim" beziehen. Und wenn das Volk zu Moscheh sagt: „Daber ata imanu wenischmaah weal jedaber imanu elohim", so bezieht sich dasoffenbar auf die „koloth" des vorhergehenden Satzes: „Wekol-haam roim eth ha koloth weeth halapidim weeth kol haschofar". Reik, der in „kol haschofar", wie übrigens auch in „bi'mschoch hajobel" die Stimme Gottes *) Auf den „visuellen" Charakter der Gottesstimme bei der Theophanie (roim eth hakoloth!) machten bereits die alten Agad* disten aufmerksam.

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