Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Probleme der Religionspsychologie [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 576 (sequence 8)
- Language
- German
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576 Bücherschau findet, sollte vom Umstand stutzig gemacht werden, wie wenig Gewicht doch eigentlich auf diese „kol haschofar", die an letzter Stelle erwähnt wird, im Bericht gelegt wurde, während anderseits die „hakoloth", an erster Stelle erwähnt, als Hauptsache betont werden, und die „lapidim" wie „kol haschofar" nur als Nebenumstände. — Warum also hartnäckig „koloth" mit Donner übersetzen? Die Vorstellung von einem „Gesetz", das unter blitzartigen Erscheinungen verkündet wurde, war den antiken Juden, wie das geheimnisvolle Wort: „Esch-dath nathan lamo" zeigt, durchaus vertraut. Allerdings legt der Satz „Wajhi kol haschofar holech wechasek meod Möschen jedaber wehaelohim jaanenu bekol" scheinbar die ReikscheDeutung nahe; als ob das „bakol" am Schluß sich auf „kol haschofar" zu Beginn des Satzes beziehen müßte. Nichts aber zwingt dies anzunehmen. Der Satz muß nicht etwa: „Und der Ton des Schofar verstärkte sich mehr und sehr: Moscheh redet undElohim ewidert im Schofar ton" übersetzt werden, so daß die zweite Hälfte des Satzes die erste erläutert. Ebenso gut und besser ist die Übersetzung „Und der Ton des Schofar verstärkte sich mehr und sehr, Moscheh redet und Elohims Stimme erwidert („Stimme" im Sinne von: Gebot, Befehl, Weisung, Rat, Zuspruch usw.); der zweite Halbsatz fährt einfach im Berichte fort. Dieses „bakol" am Satzschluß bezieht siqh natürlich auf „koloth ubrakim" und auf „eth hakoloth weeth halapidim". 9- Für die Deutung des Schofarrituals, die Reik vorschlägt, der wir uns aber, weil sie uns nicht überzeugt, verschließen müssen, wüßte ich keine bessere zu geben; sie ist noch von der kulturgeschichtlichen Forschung zu erwarten. Was der Schofarritus am Neujahrstag zu bedeuten hat? Wir haben es seit tausenden Jahren vergessen; der später beigelegte Sinn ist nicht der ursprüngliche. Keineswegs wollte der Schofar ursprünglich zur Buße und Besinnung aufrufen, wie auch Reik, letzten Endes, von der volkstümlichen Auffassung verleitet annimmt, denn der Charakter des Bußetages ist dem Neujahrstag erst sehr spät beigelegt worden. Jedenfalls wird das Problem von Reik stark überschätzt und der Lösungsversuch dadurch in falsche Bahnen gelenkt. Warum sollen wir nicht dabei bleiben dürfen, im Schofarklang ein Alarmsignal zu hören, wie noch heute das Tuten der Trompete ein Signal ist, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf etwas zu lenken*)? Dies würde vollständig genügen, um irgendwelche Affektwirkungen — wenn sie festgestellt werden könnten — aus der unbewußten Erinnerung zu erklären. Denn diese Schofarklänge bedeuteten einst: aufs Höchste gesteigerte Freude, Jubel, drohende Lebensgefahr, militärisches Alarmsignal, Angriffssignal, Siegessignal, Totenbeklagung (ursprünglich wohl für die auf der Walstatt Gefallenen), Verkündigung bedeutsamer Ereignisse usw. — Oder steht auch Jagdhorn, Posthorn, Alpenhorn, das Tuten der Feuerwehr, des Nachtwächters und Ausrufers mit dem Totem und dem urmenschlichen Vatermord in Beziehung? — Gott (oder der Messias) wird am Ende der Tage aas Signal der Erlösung und Sammlung durch Schofarstöße geben — die Befreiung der Sklaven und des Bodens wurde am Jubeljahr in ähnlicher Weise verkündet. Schofarklänge bedeuten also Befreiung, freudiges Jubeln. Am Schluß des Jörn kippur wird das Ende des bangen Fasttages mit einem Tekijahstoß angezeigt; sollte sich dieser Brauch als uralt erweisen, so kann in ihm vielleicht eine rudimentäre Erinnerung aus jener Zeit erkannt werden, der Jörn kippur noch das größte Freudenfest war (an dem sich die Jünglinge ihre Mädchen aus dem Reigen raubten**)). An diesem Freudenfest mögen vielleicht solche Freudenjauchzer auf dem Schofar Brauch gewesen sein. — Immerhin ist Reiks Buch als ein neuartiger und bedeutsamer Versuch, trotz aller vorgebrachten Kritik, sehr zu begrüßen. Dieses Buch leitet eine Disziplin ein, der zweifellos eine große Zukunft bevorsteht. Wien Meir Wiener *) Von den meisten jüdischen Theologen wird der Schofarritus als Alarmierung zur Buße aufgefaßt, auch das Volksbewußtsein legt diesem Ritual keinen anderen Sinn bei. — Die Bibel schreibt das Schofarblasen auch für den Versöhnungstag des Jubeljahres vor; die Mischnah und der Talmud (Tr. Rosch haschanah) bringen das Schofarblasen am Rosch haschanah mit dem des Jubeljahr- Versöhnungstages zu halachischen Zwecken (betreffs der Art, Ordnung usw. der Töne) durch „gesera schawa" (Analogie) in Beziehung. Könnten diese Zusammenhänge für den Kulturhistoriker und Ritualpsychologen keine Fährte abgeben? **) Gegen die Assoziationen des Psychoanalytikers läßt sich nicht aufkommen. Hier z. B. muß er gleich an Pubertätsriten usw. denken. Assoziationen sind aber noch lange keine Wirkli chkeitsfeststellungen. Für die Redaktion verantwortlich: Siegfried Lehmann, Berlin W 30, Eisenacherstr. 29. — Für Österreich: Dr. M.Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.