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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 574

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Probleme der Religionspsychologie [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
574 (sequence 6)
Language
German
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574 Bücherschau Schwures kann nur durch ihre Auflösung und Ungültigkeitserklärung aufgehoben werden*). Der Bibelvers „Wenisslach" am Schluß des^ Kol nidre ist ein Teil des ursprünglichen Textes und war auch durch das übliche „Wie geschrieben steht in der Lehre Möschens deines Knechtes usw." mit dem Text verbunden. Dieser Absolution erteilende Bibelvers wurde wegen der Worte: „ki lechol haam bisch'- gaga" in den Text aufgenommen. Sch'gaga aber ist eine Entschuldigung für unwillkürlich, gegen die Absicht begangene Sünden, kommt also nur für Sünden, die bereits verübt wurden, in Betracht. Denn für Sünden der Zukunft die Sch'gaga-Entschuldigung in Anspruch nehmen, wäre nach der talmudischen Auffassung eine ausdrückliche nwi, also sifcKi KtsnK. Und so ist dieser Vers ein Beweis dafür, daß es sich im ursprünglichen Text um die Gelübde des vergangenen Jahres handelte, denn von denen des nächsten kann doch nicht im vornherein gesagt werden: „... denn dem ganzen Volk unterlief die Sünde absichtslos". Reiks Theorie aber ist auf der Voraussetzung gegründet, daß Kol nidre die Gelübde des nächsten Jahres meint; mit der Hinfälligkeit dieser Grundvoraussetzung verliert auch die ganze Kolnidretheorie jeden Sinn. 7- In ähnlicher Weise versucht Reik den Ritus des Schofarblasens, seinen ursprünglichen Sinn und die von ihm heute noch (angeblich) ausgehende starke Affektwirkung**) wie seine Verlegung auf den Neujahrs-und Versöhnungstag mit urprimitiven Vorstellungen in Zusammenhang zu bringen. Auch hier bietet Reiks Versuch viel wertvolle Anregung; — das Hauptproblem blieb im wesentlichen ungelöst. *) „Die Kolnidreerklärung wird darum am Abend abgegeben, weil jede Erklärung, die Gelübde betrifft, zu ihrer Rechtsgültigkeit der Gegenwart eines Schriftgelehrten oder eines Kollegiums von drei erwachsenen Juden bedarf, am Jörn kippur aber sich alle Juden auch der kleinsten Gemeinden versammeln und so auch niemand die Formel aufzusagen vergessen kann." Tossefoth tradiert von R. Tham den Grund, warum Kol nidre statt am Rosch haschanah, wie es der angeführten Talmudstelle entsprechen würde, am Jörn kippur aufgesagt wird: erstens weil auch Jörn kippur zuweilen Rosch haschanah genannt wird (Jecheskel 40,1), zweitens „weil am Jörn kippur jede Arbeit ruhen muß (auch jene, die am Rosch haschanah gestattet ist), und so ist die Ansammlung größer". **) Die Affektwirkung der Schöfartöne wird von Reik jedenfalls stark übertrieben. Ich habe sie nie, weder bei mir, noch bei anderen, auch nicht bei Juden, die im kultischen Leben ganz aufgehen, in solchem Grade feststellen In den Mythen aller Religionen spiegelt sich, nach Reik, jenes tragische und für die Geschichte der Menschheit so bedeutsame Ereignis: die Söhne der menschlichen Urhorde überwältigen den gewaltätigen Vater, töten und verzehren ihn. Die Zärtlichkeit für den gehaßten, aber zugleich auch geliebten Vater äußert sich nach dem vollbrachten Verbrechen in Reue, Schuldbewußtsein und in der bewußten und unbewußten Identifizierung mit dem toten Vater. Das Totemtier ist eine Art symbolischen Ersatzes für den Vater, an ihm leben sich beide widerstreitenden Gefühle, des Hasses und der Liebe aus. Der Vaterbegriff wird allmählich zum antropomorphen Gottesbegriff ausgebildet; und so wird das Totemtier ein Ersatz-Symbol für Gott. Der Priester identifiziert sich mit dem Vater-Gott, indem er sich die Embleme des Gottstellvertreters, des Totemtiers, welche seine charakteristischen Wehrmittel symbolisieren, aneignet. So etwa, daß er sich die Hörner des Tieres an die Stirn befestigt oder sein Brüllen nachahmt. können. Das späte Judentum und die Kabbalah knüpften verschiedene sakramentale und heilskosmologische Bedeutungen an das Schof arblasen, der Gläubige, dem dies bekannt ist, bereitet sich natürlich mit großer Weihe vor, erleidet aber meistens eine leichte Enttäuschung nach Anhörung der Töne; er erwartet eine viel stärkere „AffektWirkung": die vorbereitenden Weihen haben seine Erwartungen zu hoch gespannt. Die einstige von der Bibel bezeugte starke Affektwirkung der Schöfartöne ist zusammen mit der Erinnerung an ihren Sinn verloren gegangen. „Der Prophet stellt fest, daß es sich geziemt (nmna) zu erschrecken, so der Schofar auch nur in der Stadt gehört wird, um wieviel mehr aber, so die Töne vernommen werden am Ort, wo sich Juden versammelt haben, um für ihr Leben zu bitten und Erbarmen zu erflehen in den Vorhöfen unseres Gottes. Dort geziemt es sich, daß die Hörer Zittern erfaßt usw.... und nicht wie jene Männer, die von sich das Joch der Gottesfurcht abwerfen, den Mund voll nehmen mit leerem Geschwätz, während der Schofarbläser bei Gott um sein Leben fleht, in den Gebeten, die ihm vorgeschrieben sind; — bis daß sie ihn verwirren und auch die übrigen Gottesfürchtigen, die hier sind, Gott um ihre Seele anzuflehen. .. Wehe dieser Scharide, wehe dieser Schmach usw. usw." (Likute Zebi: K'zath mussar wekawwanoth pschutoth lifnetekijath schofar). Wenn es also dieses frömmelnde Andachtsbuch, das nur für die im Ritus besonders Beflissenen berechnet ist, notwendig findet eine würdige, feierliche Haltung während des Schofarblasens so eindringlich zu empfehlen, kann die Affektwirkung des Schofartones unmöglich bedeutend sein.

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