Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Probleme der Religionspsychologie [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 573 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 573 bunden wurden. Ähnliche Vorgänge sind ja aus jeder Liturgie bekannt. — Ob nun das Kolnidremötiv uralte jüdische Musiküberlieferung oder nichtjüdischen Ursprunges ist — wie manche behaupten —, jedenfalls wird es jünger sein, als der Text. Aber wenn sogar angenommen werden müßte, daß der Text für diese Melodie der Entstehungsanlaß war, was fast ausgeschlossen erscheint, so dachte der Komponist schwerlich an den Text, sondern an den Ernst des Tages, den dieses Lied einleiten sollte. Und da diese Formel aus gewissen Gründen*) noch vor Maarib aufgesagt werden mußte, so wurde sie am Anfang des Gottesdienstes gestellt und fiel mit der Einleitungsmelodie, welche auch für einen noch so inadäquaten Text dieselbe geblieben wäre, zufällig zusammen. Die ungewöhnlich starke, erschütternde Wirkung der Kolnidremelodie erklärt sich dadurch, daß dieses Lied den Sühnetag einleitet, der über Tod und Leben des nächsten Jahres entscheiden soll. Derartige Erwägungen genügten wohl, um den Komponisten zu solchen erschütternden Tönen zu inspirieren. Es waren dazu keine weit hergeholten, urmenschlichen Erinnerungen notwendig. — Dies ist die „Stimmung" und die „Situation", aus der heraus das Lied entstand und in der es immer wieder mit ungeminderter Kraft wirkt: Feierlich geschmückte Synagoge, weißer, seidener, goldbestickter Vorhang vor der Thoralade, eine Überfülle von brennenden großen Totenkerzen, die betäubende Dünste von sich geben, eine große ungemein feierlich gestimmte Gemeinde in weiße Totenhemden und Talethim (die Ungewöhnlichkeit des Talith am Abend im rituellen Leben!) gehüllt, lautlos barfüßig schreitend; — kommt hinzu die Bereitschaft zur Ekstase, das Bangen vor dem großen Tag, — all das wird wohl hinlänglich genügen, um das Entstehen und die Wirkung dieser Melodie zu erklären. Sind da noch zu ihrer Begründung urzeitliche Erinnerungen an mythische Verbrechen und wegen der Gewohnheit ihrer Melodie usw." Daraus ist zu ersehen, wie unwesentlich der Text neben der Melodie war und ist. Dem Psychoanalytiker kann es freilich nicht verwehrt werden, andere Schlüsse aus diesem Bericht zu ziehen. *) Siddur R. Amram Gaon gibt den Grund an, weil es nach dem Talmud (Tr. Schabbath undTr. Nedarim) verboten ist, sich am Schabbath mit Gelübden zu befassen, sofern sie nicht Schabbathangelegenheiten zum Inhalt haben. — Diese gewöhnliche juristische Fortfiel paßte eben nicht in den feierlichen Jomkippurgottesdienst und sollte noch am Werktag erledigt werden. das Wiedererwachen ähnlicher Gelüste wirklich notwendig? Geringe Bedeutung wird der Kolnidreformel von seiten der offiziellen Liturgie beigemessen. Daß sie noch vor Maarib ihren Platz fand, zeigt deutlich, wie wenig wichtig man sie nahm. Man wollte sie eben noch im „werktägigen" Teil des Gottesdienstes, bevor also der Versöhnungstag durch Maarib „eingeweiht" wurde, hinter sich haben. Der Chassidismus, der doch jedenfalls eine Verstärkung der bewußten und unbewußten Urtendenzen des Judentums bedeutet, bewies durch einige seiner wichtigsten Vertreter eine betonte Gleichgültigkeit für das Kol nidre. 6. Warum diese Formel in den Ritus des Ereb jom kippur aufgenommen wurde? Im „Gebet vor Kol nidre aus dem chaje adam" heißt es am Schluß: ,,... Und da ich weiß, daß es fast keinen Gerechten gibt, der sich von den Sünden, die der Mensch an seinem Nächsten verübt, sei es in Sachen des Geldes oder des Körpers, durch Handlung und durch Wort reinzuhalten vermag, — darüber trauert mein Herz in mir, denn Sünden des Menschen an seinem Nächsten kann der Sühnetag nicht sühnen, bevor der gekränkte Nächste versöhnt ist. Darüber bricht mein Herz und mein Gebein ist erschüttert, denn nicht einmal der Todestag sühnt diese Sünden. .. Und ich verzeihe in vollgültiger Vergebung allen, die gegen mich gesündigt und sich an mir vergriffen haben, sei es an meinem Körper, sei es an meinem Geld, durch üble Nachrede oder Verleumdung usw..., damit kein Mensch meinetwegen Strafe erleiden muß. Und wie ich verziehen habe, so auch gib du mir Gnade in den Augen aller Menschen, daß auch sie mir in vollgültiger Vergebung verzeihen..." — Findet da der scharfsinnige Psychoanalytiker keinen Zusammenhang zwischen diesen so sehr gefürchteten, fast unsühnbaren Sünden am Nächsten und der Auflösung der Gelübde und Schwüre, welche die ganze Gemeinde gegenseitig an sich vornimmt? Am Vortag des Jom kippur, dem letzten Termin vor der Entscheidung, muß noch so manches Übel rasch gutgemacht werden. Man begütigt Feinde, versöhnt sich mit ihnen, trägt altes Unrecht aus — kurz, man sucht sich von allen Vergehungen am Nächsten zu läutern. Das bewußte und feststellbare Unrecht läßt sich" gutmachen, nicht aber jenes überpfiichtvolle Mehr, das dem Wortlaut des Versprechens und Gelübdes von der Übefgewissenhaftigkeit ad infinitum beigelegt werden kann. Diese juristisch zu erklügelnde, magische Überbedeutung des Gelübdes und