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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 572

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Probleme der Religionspsychologie [Rezension]
Date
1919-01-01
Page
572 (sequence 4)
Language
German
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572 Bücherschau ähnliche Bräuche und Riten entstanden und entstehen im nachexilischen Judentum aus einer übertriebenen, zwanghaft sich äußern- *den Gewissenhaftigkeit, Beunruhigung und Vergewisserungsdrang in bezug auf die Ausführung des Gesetzes. Die große Scheu der Juden vor Eiden und Gelübden und die übertriebene Genauigkeit in der Erfüllung ist von verschiedenen Seiten eindringlich genug hervorgehoben worden. (Zur Deutung dieser Tatsache ist eine vorsichtige Heranziehung der Reikschen Theorie durchaus angemessen.) Sogar erfüllte Gelübde müssen bereut werden und brauchen Gottes Vergebung. Anderseits verführt eine von „Zäunen" und „Zäunen um Zäune" starrende und beengte Lebensordnung zu Gelübden, sei es in ausgesprochener oder unausgesprochener Form, zum Zweck der .Niederhaltung gegnerischer Gelüste. Außerdem gibt die soziale Beschäftigung, der sich die Juden seit dem Exil fast ausschließlich ergeben haben, der Handel, oft zu mehr oder weniger ausgesprochenen Schwüren Anlaß. Wegen ihrer verächtlichen Stellung wurde es immer notwendig, die Wahrheit ihrer Beteuerungen mit stärkeren Wendungen zu bekräftigen, die wiederum einer übertriebenen Gewissenhaftigkeit Eidesformeln, die doch sogar im Falle der Erfüllung Sühne heischten, bedenklich ähnlich erschienen. Wie sehr sich auch der Jude vor der ausgesprochenen Eidesformel hütete, so war es doch nicht zu umgehen, daß der von seiner nichtjüdischen Urwelt wenig geachtete jüdische Händler die Wahrheit seiner Behauptungen durch verschiedene Schwurumschreibungen Gewicht verleihen mußte. Um sich von diesen Sünden zu reinigen, gleichsam das Gewicht der abgelegten Gelübde und Schwüre zu erleichtern (später schließlich auch die Gelübde des künftigen Jahres miteinbeziehend, indem der Text spitzfindig sowohl für die Zukunft wie für die Vergangenheit zugerichtet wurde), schuf sich der ausgebildete Rabbinismus die Formel des Kol nidre und den Brauch der Hatarath nedarim; wie in ähnlichen Gewissensbedrängnissen den Prisbul und das famose „AI zad heter isska!". Ein „psychoanalytisches Moment" ist in Kol nidre allerdings denkbar. Die durch die ungewöhnliche Rigorosität des Gesetzes und durch seine Beengung des Lebens unwillkürlich hervorgerufenen Gelübde, wie die durch die sozialen Bedingungen zwecklos verschwendeten Beteuerungen erregten Gegentriebe, welche gerade durch Gelübde und Schwüre, die sie abwehren sollten, immer mehr gereizt wurden. Die Gelübde erschweren geradezu, wegen der Reaktion, welche die Zwangsauferlegung wachruft, die Erfüllung des Gesetzes, wie die unnötigen Schwüre das Gelüste sie zu brechen und falsch zu gebrauchen herausfordern. Diesen Reaktionen zuvorzukommen und sie unschädlich zu machen, wäre die Nichtigkeitserklärung des Kol nidre und ähnlicher Formeln sehr geeignet. Es wäre also in ihnen ein prophylaktisches Verfahren zu erblicken gegen den reaktiven Trieb, Gelübde und Schwüre zu brechen, die sonst leicht erfüllt worden wären, gerade aber ihres Zwanges und ihrer Unverbrüchlichkeit wegen zum Übertreten reizen; weil das mit übertriebener Kraft Verdrängte um so stärker auf den Menschen einstürmt, es zu brechen. Es wäre dann noch die Furcht vor den nie vollständig zu erfüllenden Gelübden und^die Notwendigkeit der Sühne auch für erfüllte Gelübde*) als Hintergrund der Ursachen der Kolnidreformel anzunehmen.**) 5- * Der Text der Kolnidreformel entspricht in keiner Weise der Melodie. Muß deswegen dem pedantisch-juristischen Text um jeden Preis ein urtragischer Sinn aufgezwungen werden? Richtiger wäre die Schlußfolgerung, daß Melodie und Text organisch nicht zueinander gehören, daß Text und Melodie***) vollständig voneinander unabhängig entstanden sind und gewaltsam miteinander ver- *) Hier könnte die Reiksche Theorie wertvolle Aufschlüsse geben. **) Schließlich soll noch die Möglichkeit zugegeben werden, daß sich im Kol nidre eine verkümmerte Erinnerung . an eine ähnliche Formel aus der Tempelzeit her erhalten hat. Das Opfergelübde bildet einen integrierenden Bestandteil aller primitiven Gebete. Am großen Bußtag sollten die unvollständig erfüllten Opfergelübde des vergangenen Jahres unschädlich gemacht werden, damit sie auf den neuen Gelübden und Gebeten nicht lasteten. ***) tn^n tys *'en, den die Unmöglichkeiten des „korrigierten" und dadurch verdorbenenTextes des Kol nidre (entstanden durch die nur teilweise durchgeführte Umänderung auf die Zukunftsform) gestört haben, versuchte es den Vorbetern einen von ihm korrigierten Text einzuüben. Die Korrektheit des Textes erschien ihnen aber neben der Melodie so unwichtig, daß sie ihretwegen keine Note in der Melodie verschieben wollten. „... und infolge der Fehler (berichtet msha tya >wö*i) hat das meiste im Kolnidretext, wie er in den Machsorim abgedruckt ist, keinen Sinn und gar keine Bedeutung, bis auf die Melodie allein. Und sie wissen nicht und verstehen nicht was sie sprechen... Oftmals wollte ich den Text korrigieren und ihn so korrigiert den Vorbetern einüben; doch konnten sie während des Gebetes ihren Text nicht ändern,

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