Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Probleme der Religionspsychologie [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 571 (sequence 3)
- Language
- German
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Bücherschau 571 sollen, so stelle er sich am Rosch haschanah*) hin und erkläre: „Jedes Gelübde, das ich künftig ablege, sei nichtig usw." Rabbenu Ascheri sagt: „Die Sprache des Kol nidre weist darauf hin, daß sich diese Formel auf die Gelübde des vergangenen Jahres bezieht; man löst sie auf, um von Strafen verschont zu bleiben usw." Abudraham schließt sich dieser Ansicht an und führt zur Bekräftigung auch die Ansicht R. Saadjah Gaons an, der ebenfalls behauptet, daß Kol nidre sich auf die „gebrochenen Gelübde des vergangenen Jahres" beziehe. Einige ältere Tossafisten und Dezisoren, u. ä. auch R. Tham, glaubten in der Kolnidreformel die Ausführung der angeführten talmudischen Anweisung erblicken zu dürfen* Mit dem aber standen die auf die Vergangen« heit hinweisenden Zeitworte des Kol nidre im Widerspruch. Und so korrigierte R. Tarn den vermeintlich korrumpierten Text und zwar in einer Weise, daß sich die Formel sowohl auf die Gelübde der Vergangenheit, wie auf die der Zukunft beziehen konnte. „R. Tarn streicht aus den Machsorim jene Worte desKolnidretextes („„vom vergangenen bis zum heutigen Jörn hakippurim" "; so lautet nämlich der Text in allen früheren Handschriften und im sefardischen Ritus bis auf den heutigen Tag), weil es so aussieht, als ob Gelübde der Vergangenheit aufgehoben werden sollten, darum scheint mir die Korrektur richtig: „„von diesem Jörn hakippurim bis zum nächsten" ", denn es handelt sich um Gelübde des nächsten Jahres, die für nichtig erklärt werden müssen." Ähnlich ist auch die Ansicht R. Ascheris. Mit der Feststellung dieser Tatsache, daß sich Kol nidre ursprünglich auf Gelübde der Vergangenheit und nicht auf die der Zukunft bezieht, fällt jede Notwendigkeit und Möglichkeit des Zusammenhanges mit dem angenommenen Brithsakrament. Die Kolnidreformel ist ein nachtalmudischer Brauch aus spätgaonäischer Zeit**), die Brith. ist ein Mythos, das wohl weit in das dritte *) Nicht am Jörn hakippurim. Der talmudischen Weisung entspricht eher die als „palästinensischer Brauch" bezeichnete „Hatarath nedarim" am Vortag des Rosch haschanah, die in Gegenwart eines dreigliederigen Kollegiums oder eines Schriftgelehrten vor sich zu gehen hat. Siehe Likkute Zebi kol bo: Hatarath nedarim le'ereb rosch haschanah. Seltsam, daß Reik über diese für das Problem so wichtige Einrichtung nichts zu sagen weiß und sie nicht einmal erwähnt. **) „R. Natronai Gaon schrieb: Es ist weder in den beiden Jeschiboth (Sura und Pumpaditha) noch sonstwo in Babylonien üblich, Jahrtausend v. Chr. zurückreicht. Welche rituell e Einrichtung im Judentum der Zwischenzeit kann den Zusammenhang zwischen Brith und Kol nidre vermitteln und die ununter-* brochene Kontinuität des angenommenen Urtriebes beweisen? Es wird einem Psychoanalytiker nicht schwer fallen, in den blutigen Tempelopfern die Vorgänger des Kol nidre nachzuweisen, nur erwächst dann die größere Schwierigkeit: Wie ging das eigentlich zu, daß feierliche, blutige Tempelopfer sich in eine kurze, trockene, fade juristische Formel, die eine Nichtigkeitserklärung der Gelübde zum Inhalt hat, verwandeln konnte? —Dabei ist die ungewöhnlich große Bedeutung, die Reik dem uralten (angenommenen) Brithritual beimißt, zunächst sehr mangelhaft bewiesen*), jedenfalls aber überschätzt. Reik bauscht die rituale Wichtigkeit des Kol nidre stark auf. In Wirklichkeit gehört Kol nidre zu der Kategorie der „Bräuche" (Minhagim), die durchaus nicht für alle Gemeinden verpflichtend sind. „Und es ist Brauch (wenohagim), vor Barchu die Kolnidreformel aufzusagen ..., aber R. Natronai Gaon schrieb usw.**). (Siddur R. Amram Gaon)." Bis gegen Ende des Mittelalters und später sprachen sich bedeutende Dezisoren gegen den Kolnidrebrauch aus. 4- Versuchen wir es mit einer naheliegenden, einfacheren Deutung. Zahllose dem Kol nidre Gelübde nichtig zu erklären, weder am Rosch haschanah noch am Jörn hakippur, doch haben wir vernommen, daß es Gemeinden gibt, die eine Formel: Kol nidre usw. aufsagen." (Siddur R. Amram Gaon.) Ebenso meint R. Haj Gaon: „Wir lösen keine Gelübde auf, weder am Rosch haschanah noch am Jörn hakippurim und nie habe ich von meinen Lehrern vernommen, daß sie dies getan hätten. Und ihr, seid vorsichtig, tut das gleiche wie wir und ändert nichts an den Sitten der Jeschiboth . . ." *) Von dem Brithbericht zwischen Abraham und Gott abgesehen wird das Wort „Brith" in der ganzen Bibel nur in dessen entlehntem Sinn gebraucht, etwa: Bund. Wird jemand „Ben Berith" genannt, so bezieht sich dies durchaus nicht auf eine irgendwann vollzogene Brith. Die abrahamische Brith hinterließ im religiösen Denken der Juden gar keine Spuren, so daß später, in der jüdischen Theologie des Mittelalters, als eigentliche „Brith" die Akeda ausgegeben wurde. Wie kann dies Reik erklären? Die übliche psychoanalytische Antwort wäre hier: Ablenkungsversuch aus dem Wunsche, die Erinnerung zu verdrängen, in Analogie zu ähnlichen neurotischen Erscheinungen usw. — sie kann aber schwerlich befriedigen.