Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Probleme der Religionspsychologie [Rezension]
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 570 (sequence 2)
- Language
- German
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570 Bücherschau unbewußten Hemmungen, die zu einer ablehnenden Haltung geneigt machen, versehen, um' sie nach Möglichkeit unschädlich zu machen, und doppelt mißtrauisch und vorsichtig jeden eigenen Einwand prüfen. — Trotz des Aufwandes an anerkennenswerten Scharfsinn müssen die Fragestellungen als tendenziös überschätzt, die Lösungen als gewaltsam und weithergeholt, das Ergebnis also als völlig mißglückt betrachtet werden. Der größte Dienst, den die Wohlwollenden der Psychoanalyse erweisen könnten, wäre eine eindringliche Warnung, die verschiedensten Religionserscheinungen nicht in gar zu monomaner Weise von einem gemeinsamen, wenngleich an sich noch so bedeutsamen psychogenetischen Urkomplex gewaltsam abzuleiten. Die Probleme sind in diesem Buche mit Sorgfalt und Scharfsinn herausgearbeitet, die Lösungen werden mit einer Spitzfindigkeit, in der wir Züge jüdischer Pilpulistik deutlich wiedererkennen, versucht. Die Ergebnisse befriedigen nicht. — Diese vorgeschlagenen Zusammenhänge zwischen Brith und Kol nidre**), zwischen dem Schofarritus und dem hypothetischen „Unterbrechen" müssen jedermann, der in jüdischen Dingen aus den Quellen selber Bescheid weiß und von den psychoanalytischenZwangsvorstellungennicht beherrscht ist, absurd erscheinen. Eine gründliche ausführliche Widerlegung der Ausführungen dieses Buches müßte sich zu einem Buch von mindestens ähnlichem Umfang wie das kritisierte ausdehnen; hier können nur in flüchtig skizzierten Andeutungen die wichtigsten Züge der Theorien und ihre Widerlegung vorgebracht werden. 2. In Kol nidre kommt nach Reik die Reaktion gegen die Verdrängung des Urtriebes zur Verletzung der Brith, einer sakramentalen Handlung, die den Verzicht auf künftigen Vater- Gottmord bei schwerer Strafe symbolisiert, zum Ausdruck. Die biblische, urzeitliche Brith stellt nämlich nach Reik „ein Gelübde dar, den Mord (an den Vater der Urmenschenhorde, der einst von seinen Söhnen überwältigt und gefressen wurde) nicht mehr zu wiederholen". „Der Schwur ist eine spätere Institution und seine Verbindung mit den früheren durch Hemmung der unbewußten andrängenden Tendenzen, die zur Erneuerung des Gottes- und Vatermordes führen wollten, erklärlich." Darin schließt sich Reik der Be- **) Kol nidre bedeutet übrigens nicht „Stimme des Gelübdes", wie der Untertitel des Kolnidrekapitels in Reiks Buch lautet, sondern „Alle Gelübde". hauptung Freuds an, „daß Sittlichkeit, Religion und Schuldbewußtsein sich an jenes große urzeitliche Verbrechen anknüpfen". „Die Brith stellt uns den ersten, feierlichen Versöhnungsversuch mit dem toten Vatergott vor Augen." „Das mächtige Schuldbewußtsein, das mit der Vorstellung des Bruches von Eiden und Gelübden verbunden war, bezog sich auf seine früheste Quelle: auf den Vater- und Gottesmord. Denn die Brith bedeutete unbewußt die Wiederholung dieses Mordes. Die Unzerstörbarkeit und Unveränderlichkeit der dem Unbewußten angehörenden Impulse bedingt es, daß die Affektivität späterer Eide, Gelübde, Triebverzichte ewig aus dieser ersten Quelle floß." In Kol nidre kommt eine zwanghafte^eaktion gegen die Wunschregung zum Vatermord zur Geltung. Denn noch in der Verdammung dieser Tat ist der Wunsch zu ihrer Ausübung latent. „Solche Aktionen dienen gerade der Durchsetzung der verpönten Regungen , zu deren weitgehendem Schutz sie ursprünglich entstanden sind (Wiederkehr des Verdrängten aus dem Verdrängenden); sie dienen aber zugleich dem Einzelnen zu seiner Erleichterung von der Bürde einer so großen Gewissenhaftigkeit." Der letzte Sinn des Kol nidre wäre also: „Herr Jahwe, höre uns, wir bekennen, daß wir den Wunsch fühlen, Eide, Gelübde usw. nicht einzuhalten ...". „Daraus aber ergibt sich ein unbedingt notwendiger Nachsatz, eine wesentliche Ergänzung... ein Appell an Gott...: Gott soll sehen, wie sehr der Sünde ergeben und in sie verstrickt sein Volk ist, ihr ewiger Rückfall in die Sünde, die Unmöglichkeit völlig auf Triebbefriedigung zu verzichten wird ihm ad oculos demonstriert; er möge diese Schwäche berücksichtigen und um so sicherer Verzeihung und Straflosigkeit gewähren. Gerade aus der Tatsache ihrer rückhaltlosen Beichte erwartet die Gemeinde die göttliche Absolution", — worauf auch das abschließende „Wenisslach" hindeuten soll. So weit Reik. 3- Einige Daten über das Kol nidre*) zur Widerlegung des Zusammenhanges mit dem angenommenen Brithsakrament: Im Traktat Nedarim 23b heißt es: Wenn jemand wünscht, daß seine Gelübde**) das ganze Jahr hindurch keine Gültigkeit haben *) Aus der Pethicha lekol nidre von Benjamin Seeb Heidenheim, Machsor lej om kippur, Lemberg 1860. **) D. h. nidre issur, selbstauferlegte Verbote des an sich Erlaubten, oder nidre korban: Opfergelübde.