Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Araberfrage
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 568 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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568 Bemerkungen delt, eine Industrie, die eine große Zahl Arbeitender ernähren könnte, fehlt vollständig, der Landbau ist primitiv und extensiv im höchsten Grade, weiteste Strecken sind noch nicht urbar gemacht. Deshalb braucht Palästina eine starke Immigration, damit es der Menschheit und Weltwirtschaft das leiste, was es leisten kann; die Immigration muß zugleich aus einem intelligenten und ökonomisch leistungsfähigen Menschenmaterial bestehen. Ein solches können die Araber heute nicht geben; auch besteht bei den Arabern, deren weites Gebiet überall sehr schwach besiedelt ist und die sich nicht allzu stark vermehren, keine Tendenz und keine Notwendigkeit zu einer Immigration nach Palästina. Tendenz und Notwendigkeit sind dagegen beim jüdischen Volke vorhanden. Es ist auch imstande, dem Lande die notwendige Intelligenz und ökonomische Kraft zu geben. Dies gibt den Juden zwar nicht das Recht, das Land den Arabern wegzunehmen, wohl aber neben den Arabern auf freiem Lande sich anzusiedeln. In diesem Augenblicke entsteht das schwere Problem der Form des Zusammenlebens der Araber und Juden. Ich sage schweres Problem, weil selbst viele Leiter der zionistischen Bewegung sich über seine moralische Schwere und ihre Konsequenzen nicht klar bewußt scheinen; so wenn man als die Staatssprache exklusiv Hebräisch einführen will; das kann man in den jüdischen Kolonien oder in der jüdischen Autonomie machen, aber — wenn es einen Staat Palästina geben wird — wird dieser auf unabsehbare Jahrzehnte hinaus zwei Staatssprachen haben müssen: vorläufig Arabisch und Hebräisch, später Hebräisch und Arabisch. Dieser zukünftige Staat wird auf unabsehbare Zeit hinaus kein Nationalstaat sein, sondern ein Nationalitätenstaat; wenn wir uns das nicht mit allem Ernste klarmachen, werden wir stets an dem jüdischarabischen Problem leiden. Wir sind auf ein friedliches und freundliches Einvernehmen mit den Arabern angewiesen. Aus drei Gründen: zwei habe ich schon wiederholt vorgebracht: das Judentum hat als einen seiner Grundpfeiler die Gerechtigkeit erkannt, wir selbst haben unsere Bewegung auf dem Fundament der Gerechtigkeit proklamiert, jede Bedrückung oder Verdrängung der Araber wäre somit etwas, womit wir gegen uns er n innersten Lebensnerv handelten, unser eigentliches Wesen zerstörten und damit alle unsere Kraft lähmten. Dann aber mehr noch: jeder Angriff gegen die Gerechtigkeit ist ein Angriff gegen uns selbst. Wir untergraben uns durch ein ,, chauvinistisch - imperialistisches" Vorgehen, durch ein Benehmen als das „Staatsvolk" gegen die Araber allen Boden unter den Füßen. Wäre unser ganzes Pathos gegen unsere Unterdrücker nicht lächerlich, wenn wir — nicht mehr unterdrückt, sondern zur Macht gelangt — die Araber zu entrechten oder zu entnationalisieren trachten würden? Dazu kommt ein dritter, rein praktischer Grund. Wir werden immer inmitten einer, uns an Zahl vielfach überlegenen arabischen Bevölkerung leben; im Norden, wie im Osten und Süden leben weithin nur Araber, spricht man arabisch. Eine Feindschaft mit ihnen würde uns in einen ständigen Rüstungs- und Kriegsvorbereitungsstand setzen, sie würde uns aber auch ökonomisch schädigen. Unsere Industrie wird in dem weiten arabischen Hinterlande ein vorzügliches, ja ihr bestes Absatzgebiet haben, hier wird sie durch die Nähe und durch die Kenntnis von Markt und Sitten konkurrenzfähig sein; zugleich winkt ihr hier eine wichtige und Früchte verheißende zivilisatorische Tätigkeit. Daß die Araber Palästinas und auch seiner Nebenländer von unserer Immigration vielfachen Vorteil ziehen werden, ist von uns schon oft betont worden. So wird unter den Voraussetzungen, die wir oben genannt haben, ein freundschaftliches Zusammenleben beider Volksstämme im Lande möglich sein. Wir müssen uns nur des nationalen Chauvinismus enthalten, als ob das Land den Juden gehörte. Kein Land gehört einem bestimmten Volke, es gehört den Menschen, die dort leben und friedlich arbeiten — und das werden in Palästina immer nicht nur Juden, sondern auch Araber sein. Darauf müssen alle unsere Staatseinrichtungen Bedacht nehmen, sie müssen beiden Teilen, den Juden und Arabern, weitest gehende Autonomie und Selbstbestimmung geben, um die Reibungsflächen zu verkleinern. Wir werden die schwere, aber nicht unlösbare Aufgabe haben, zwei unterritoriale, unzusammenhängende souveräne Nationalgemeinschaften auf einem gemeinsamen staatlichen Territorium zu gründen, dessen Hoheitsfunktionen sich in der Regulierung gewisser allgemeiner, wirtschaftlicher Fragen erschöpfen. Das nationale Problem würde sonst eine schwere Krankheit unseres Staates werden, an der wir ebenso zugrundegehen könnten, wie manche andere Staaten. Es ist seltsam, daß manche unserer Redner und Legionäre, wenn sie schon die ethische Geschichtsbetrachtung ablehnen, nicht aus der Geschichte und der jüngsten Vergangenheit lernen. Die Juden, die am eigenen Leibe gespürt haben, was es heißt, wenn ein Volk anderen gegenüber sich in einem Lande als das herrschende staatliche Volk fühlt, dür-