Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Zur Araberfrage
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 569 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bücherschau 569 fen und können nicht sich selbst jetzt in Palästina den Arabern als die herrschende Nation, als das Staatsvolk aufspielen. Diese Worte scheinen vor allem an die Juden gerichtet; denn diese sind das Volk, in und an dem wir arbeiten und leben, auch scheint bei uns gerade diese Frage, die Araberfrage, verschwiegen und ungern gesehen zu werden. Aber diese Worte gelten auch den Arabern, gelten jedem Versuch ihrer Intelligenz und ihrer bemittelten Kaste, sich in Palästina für ein herrschendes Staatsvolk auszugeben, Palästina für „ihren" Boden zu erklären und etwa mit Einwanderungsgesetzen jüdische Immigration beschränken zu wollen. Gegen jeden derartigen Versuch protestieren wir mit ebensolcher Entschiedenheit wie gegen jeden jüdischen Chauvinismus und „Eigentümer"- und „Herren" dünkeL Welches aber können die Garantien sein dafür, daß ein uns erwünschter Zustand in Palästina eintrete? Hier sehen wir wieder auf das deutlichste, wie in jedem einzelnen Punkte die Judenfrage mit der Menschheitsfrage verknüpft ist, wie die endgültigen Lösungen beider einander bedingen. Keine der Mächte der heutigen Welt, gebaut "durch die Gesetze oder den Zufall der Geschichte und aufrechterhalten durch Zwang und Trägheit, kann uns diese Garantien geben» Nur wenn die Masse der Menschen umlernen und ein neuer Geist sie erfüllen wird, wenn der Völkerbund, die freie Vereinigung allerVölker, die Grenzen der Staaten gesprengt haben wird, dann wird — weil gegenstandslos — auch die Herrschsucht und Erwerbsgier der Völker schwinden. Daraus ergibt sich, daß auch von dieser Notwendigkeit getrieben, die besten und einsichtsvollsten Elemente der palästinensischen Judenheit, das große gemeinsame Ziel, die wahre Flagge Zions, nicht vergessen können: die Vervollkommnung der Menschheit, die Auflösung ihrer heutigen Zwangs- und Trägheitsgefüge in durch lebendigen Geist verbundene Gemeinschaften, Dann werden auch auf einem Territorium zwei oder mehrere solcher durch gemeinsame geschichtliche Tradition und gleiche seelische Erlebensart geeinter Gemeinschaften in Frieden nebeneinanderleben und schaffen können. Das ist das Problem für die Gesamtheit gestellt; daß jeder einzelne, der ernstlich nach Palästina gehen will, seinerseits neben Hebräisch Arabisch lernen und sich mit der Volkskultur des heutigen arabischen Landes bekannt machen muß, sei nur nebenbei erwähnt. Das arabische Problem ist ein schweres Problem; es wird viel Takt, viel Geschick und viel Ernst erfordern, es gut zu lösen. Vor allem kann es niemals von den Diktatoren der Friedenskonferenz, noch von uns allein gelöst werden, sondern ausschließlich durch ein Übereinkommen beider Völker, des jüdischen und arabischen. Nur damit, daß wir nicht leichtsinnig über das Problem hinwegreden, sondern uns seine Schwere klar gemacht haben und es in seinem vollen sittlichen Ernst und seiner Verantwortungsschwere für uns spüren, haben wir den entscheidenden Schritt zu seiner Lösung getan. Lassen wir uns nicht von nationalistischem Chauvinismus betören; werden wir, die Sklaven von gestern, nicht die Imperialisten von morgen. Der jüdische Nationalismus war stets ein sittlicher Nationalismus; Pflichten und nicht Rechte: Verantwortung vor der Menschheit. Bleiben wir ernst und klar und uns selber treu! Hüten wir uns vor jedem Fetischismus, hüten wir uns vor allem vor dem Fetischismus des nationalen Herrenvolkes! Irkutsk, Sommer 1919 Hans Kohn BUCHERSCHAU Probleme der Religionspsychologie 1. Die größere Hälfte des Buches „Probleme der Religionspsychologie" von Theodor Reik*) hatzweiProblemeausdemjüdischenRitualzum Gegenstand der Untersuchung: „Kolnidre"und »Das Schof ar". Die Methoden der Untersuchung und Lösung, die hier wohl zum erstenmal auf diese Gegenstände angewandt wurden, haben *) Psychoanalytischer Verlag, Wien und Leipzig 1919. gewiß eine bedeutsame Zukunft Auch ist in dieser wertvollen Arbeit manche künftige Lösung keimhaft und bahnweisend enthalten. Die Ergebnisse dieses Buches werden wohl jedenfalls bei jeder künftigen Bearbeitung ähnlicher Probleme beachtet werden müssen. Die Lösungen aber der Hauptgegenstände dieser Untersuchungen können nicht überzeugend wirken. Auch nicht auf unvoreingenommene Leser, die mit Bereitwilligkeit an dieses Buch herantreten und vor keinerlei Schlußfolgerungen zurückzuweichen gesinnt sind; auch wenn sie sich der verschiedensten