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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 567

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Zur Araberfrage
Date
1919-01-01
Page
567 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Zur Araberfrage Bis vor dem Kriege war uns Palästina das, was dem Kind sein liebstes Spielzeug; wir liebten es, wir sprachen immerzu davon und wollten mit ihm zusammen sein; aber wir haben seine Probleme, Ängste und Nöte nie so fürchterlich ernst genommen, denn es schien uns als reales jüdisches Palästina, als Erez Israel in so weiter Ferne, daß wir es nur liebkosten, ohne es in seiner wahren Natur zu erkennen. Heute sind wir Palästina gegenüber in einer völlig anderen Lage: als wären wir herangereift zum Mann und sähen all die schweren Probleme, die in Erez Israel schlummern oder oft schon gar laut rufen und unsere Verantwortung belasten. Ein solches Problem ist die Araberfrage. Man ist ihr vor dem Kriege meist ausgewichen, man weicht ihr noch heute aus und versucht statt dessen, die Fragenden und Zweifelnden mit offiziellen Sprüchlein und Erklärungen jüdischer und arabischer Führer abzuspeisen, die doch mit dem Wesen der Frage nichts zu tun haben und uns nicht einer objektiven Prüfung überheben. Eine Tatsache steht fest und muß daher die Grundlage unseres Handelns bilden: Palästina ist heute, so unwillkommen uns das sein mag, tatsächlich ein arabisches Land. Fünf Sechstel der Bevölkerung, also die weitaus überwiegende Majorität, vielmehr als etwa im Russischen Reiche von 1914 die Großrussen, sind Araber. Die Vergangenheit des Landes, soweit sie ethnographisch und ökonomisch für die Gegenwart in Betracht kommt, ist arabisch. Die Sprache des Landes ist heute ein arabischer Volksdialekt, Sitte und Lebensart der Bewohner ist — soweit sie nicht durch europäischen, recht minderwertigen Import verdrängt worden ist—arabisch. Ringsum wohnen in Sprache und Sitte verwandte Araber, geographisch ist Palästina wohl für sich abgeschlossen, gehört aber als Ganzes orographisch und geologisch zum arabischen Syrien. So ist Palästina heute rechtlich und tatsächlich ein arabisches Land. Dem gegenüber verweist man auf die historischen Rechte des jüdischen Volkes. Hier sei vön vornherein bemerkt, daß uns jede Verweisung auf historische Rechte immer und überall als unmöglich erscheint. Mit „historischen Rechten" kann man jedes Unrecht rechtfertigen; denn welches Unrecht wäre in den dunklen Tagen der Weltgeschichte nicht schon dagewesen, auf das sich dann jeder, der darauf zurückgreift, als auf sein „historisches Recht" berufen könnte. Mit solchen Begründungen können 'Fürsten und Könige von uns die Kopfsteuer verlangen, Städte uns in Ghetti sperren. Die Zeit ist weitergegangen, sie hat alles, was war, weggefegt und Neues gebaut. Das Geschichtliche wirkt in uns zwar weiter, aber, es gibt uns keine Rechte. Rechte gibt nur das Lebendige, Heutige, wenn in ihm auch ^längst äußerlich Gestorbenes nachwirkt. Die heutigen Araber haben uns das Land nicht durch Gewalt und nicht durch List weggenommen, selbst ihre Väter taten es nicht, sie bedrücken uns nicht und geben uns so nicht einmal das Pathos der Empörung und Revolte ... ein historisches Recht auf Palästina haben wir in keiner Form. Haben wir dieses aber nicht, so haben wir doch nie verabsäumt, unser wirkliches Recht auf Palästina auszuüben. Seit der Vernichtung unserer Selbständigkeit durch die Römer haben wir niemals für längere Zeiträume aufgehört, das Land zu bewohnen; starke jüdische Kolonien haben dort gelebt, jüdischer Geist hat dort manche eigenartige Blüten getrieben. So war das Land immer nicht nur arabisch, sondern auch jüdisch, nicht von einem historischen Rechte aus betrachtet, sondern in lebender Gegenwart. Was uns aber nach Palästina hinzieht und langsam aus dem vorwiegend arabischen Palästina ein Palästina der Araber und Juden und später ein Palästina der Juden und Araber machen wird — eine weitere Entwicklung kann niemand voraussehen —, ist unsere Liebe, in der sicherlich die Geschichte nachwirkt, zu diesem Lande und die Notwendigkeit unserer Zeit. Denn so, wie das Land heute ein arabisches Land ist, so besagt das durchaus nicht, daß es ein exklusives Eigentum der arabischen Nation wäre. Zu diesem exklusiven Sinne hat kein Volk Recht auf ein Land; das Land gehört denen, die es mit der Kraft ihrer Gehirne und Hände so fruchtbar machen, daß sie ihren Lebensunterhalt darin finden. Palästina, ein Gebiet von ca. 27.000 qkm ist für die heutige Bevölkerung von 700.000 Menschen zu groß; es ist sehr dünn besie-

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