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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 565

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Samson Raphael Hirsch
Date
1919-01-01
Page
565 (sequence 10)
Language
German
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IRI
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Samson Raphael Hirsch 565 Menschen zu verkünden? Solcher Berufung rühmten sich auch andere Religionen und andere geistige Bewegungen, selbst die Nicht-Gesetzestreuen unter den Juden. Und durch kein rhetorisches Mittel könnte es begreiflich gemacht werden, daß „die Keime der Wahrheit, welche in die Brust (aller) Sterblichen gelegt sind", aufgehen, wenn gerade nur die Juden „die gottgewiesene Norm" treu bewahren. Wie ließe sich auch der Grundpfeiler: thauro im derech erez aufrecht erhalten, solange nicht alle Völker die Thauro angenommen haben? Oder ist die „gottgewiesene Norm" ergänzungsbedürftig? Sagt doch Hirsch selbst, daß die europäische Geschichte darum einem Verzweiflungskampfe gleiche, weil die Verkünder der göttlichen Lehre (die ersten Christen) nur den neuen Glauben der Menschheit brachten, das „neue Gesetz aber in ihrer Schwäche verschwiegen und es doch nur das Gesetz ist, das die Rettung bringt". So liegt es auch in der geraden Verlängerung seines Gedankens, daß das allmenschlich notwendige „Gesetz" allmenschlich verpflichtend ist. Dieser Konsequenz aber biegt er aus. „Die jüdische Weisheit harret darauf, daß es hell werde in allen Gemütern auf Erden, das jüdische Gesetz kennt es nur für Abrahams Söhne und Töchter." Damit wird die menschliche Aufgabe des Judentums zu einer nationalen Aufgabe. „Mensch-Isroel" sein heißt, über das Allmenschentüm hinaus zum Isroel-Beruf aufsteigen. Durch solche ungeheuerliche Hilfskonstruktion meinte er alles Wertvolle, das außerhalb des Judentums gleichsam auf der allgemein menschlichen Vorstufe entstanden war, in sich aufnehmen zu dürfen. Und doch hatte Hirsch bei seinem latenten Nationalismus kein Verständnis für Moses Heß, der weit und einsam über seine Zeit gestellt, im jüdischen Problem nicht mehr ein Wahrheitsproblem, sondern das Problem einer Volksseele erkannte. Das ihm persönlich übersandte Exemplar von „Rom und Jerusalem" legte Hirsch teilnahmslos beiseite. Hatte doch auch die orthodoxe Propaganda, die Kalischer zur Besiedlung Palästinas einleitete, seinen Mißmut erregt, trotz der Zustimmung bedeutender orthodoxer Juden, wie seines alten Talmudlehrers Jakob Ettlinger. Die wahre Ursache für diese Widersprüche lag nicht sehr tief. Hirsch mochte die außenpolitische Lage der Juden nicht verschieben; ein indifferentes Vollbürgertum sollte dauerndste Sicherheit sein: es durfte nach außen hin keine Verschiedenheit vom Nichtjuden gemerkt werden (Wie etwa Hirsch seine Sabbatbesuche im Frack empfing.) Wurde man in seinen bürgerlichen Rechten angegriffen, zog man sich sieghaft aufs Allmenschentum zurück; wurde ein jüdisches Recht bedroht, schwang man das Panier der Religion. Davor freilich bewahrte ihn nach einigem Schwanken sein volkstümlicher Instinkt, in der Zerstreuung der Juden ihre menschheitliche Sendung beglaubigt zu sehen. Weil das „Gesetz" mißachtet wurde, flüchtete Gott mit den treu Gebliebenen ins Exil. Aber nur in der Heimat wird sich unser Beruf erfüllen. Und in Gedanken an die Heimat löst sich seine Seele von allen nebelhaften Rücksichten frei: „Nicht über die Erde zerstreut, vielmehr um die Höhe des Gesetzesheiligtums gesammelt, in Palästina findet die Zukunft Israel. Dort suchen es die Völker auf und dorthin ist es nicht zurückgekehrt, um dort etwa die in der Zerstreuung von den Völkern gelernten Weisen der Kultur und des Staatslebens in Begründung eines eigenen Staates zu üben; sondern dort ist es wieder gesammelt, um die von Gott gelernten Sitten des Menschen und Wege des Bürgers zur vollen Verwirklichung zu bringen und so durch die Kenntnis und Erfüllung des Gesetzes und des Gotteswortes sich zum Priestervolke für

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