Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Samson Raphael Hirsch
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 564 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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SÖ4 Friedrich Thieberger: wegen, auseinander und versuchte keinen Vergleich ihrer Wahrheit Aber er verfiel nicht in die Mendelssohnsche Zurechtlegung; es genügte ihm, Gott als die Kraftquelle beider Kreise zu erkennen, des heimischen und des fremden. Hier lag der Übergang zum nationalen Gedanken nicht fern. Aber auch Hirschs Allmenschentum brauchte die Selbstverständlichkeit einer jüdischen Volksgemeinschaft. Da drohte freilich der gefährliche Gegensatz zu den Bemühungen des ganzen Jahrhunderts, zur jüdischen Einbürgerung. Denn ob auch Hirsch dem jüdischen Volkskörper nur um des Geistes willen Berechtigung zusprach, den er als den wahren zu erkennen meinte, so ist es doch nicht möglich, einen Volksgeist zu fordern, ohne einen Volkskörper vorauszusetzen. Die Reformer waren diesem Konflikt theoretisch entschlüpft. Denn theoretisch sahen sie im Judentum eine geistliche oder ethisch-humanitäre Angelegenheit, von welcher die weltliche und bürgerliche sich sondern ließ; und theoretisch hofften sie auf eine Zeit, in der die anderen Völker das Judentum kraft seiner größern Wahrheit annehmen würden, ohne in ihrem äußern Leben sich beirren zu lassen; wie etwa einer von Newton zu Einstein übergeht. Von solchen Gedankengängen war die Orthodoxie durch die gesetzlichen Bindungen bewahrt und durch die sonderartige Kraft der jüdischen Tradition, auch weit auseinanderliegende Epochen als gleichzeitig empfinden zu lassen; es galt nur die Frage: jüdisch oder nichtjüdisch. Wer aber naturhafte Konflikte ins Gedankliche überragt, hat es leicht, gedankliche Lösungen zu finden. Da sich die jüdischen und außerjüdischen Lehren vereinen ließen, ohne daß die jüdische Überlieferung auch nur ein Geringstes hätte preisgeben müssen — welcher Zwang der außerjüdischen Lehre angetan wurde, darum kümmerte sich Hirsch nicht —, so müßte es doch auch gelingen, die jüdische Volksgemeinschaft ohne die geringste Einbuße an die Bedingungen der außerjüdischen zu knüpfen. Hirsch hatte diesen Gedanken nicht an seiner Tragweite im Leben gemessen. Der Ausblick auf ihn beschwichtigte schon. Aber diese Beschwichtigung war nicht ohne Einfluß auf den Kampf, den Hirsch um die äußere Sicherung dessen führte, worauf sich seine innere Sicherheit gründete. Im Kampf um die äußere Sicherung wuchs seine mutige Arbeitsfreude und der Umfang seines Arbeitsfeldes» Aber die laute Tätigkeit hielt die Stimmen innerer Gärung und also innern Wachstums nieder. Ein demütiger Satz wie dieser aus den 19 Briefen: „Ich bin es überzeugt, daß keiner von allen, die wir jetzt leben, das Judentum in seiner Reinheit und Wahrheit erfaßt", findet sich in den vielen späteren Schriften nicht wieder. Nach zwei äußeren Richtungen mußte Hirsch sein Judentum sichern: den Nichtjuden gegenüber und den Juden gegenüber. Den Nichtjuden gegenüber galt es sich zu erklären, den Juden gegenüber, sich zu verteidigen. Sich zu erklären: weil es doch anmaßend schien, die ethische Auserwähltheit für ein Volk in Anspruch zu nehmen; sich zu verteidigen: weil das richtig erkannte Judentum keine Spielart neben sich dulden konnte. Das erste war eine Sicherung aus Rücksicht, aus Not, aus Galuthgeist; das andere eine Sicherung aus Eifer, aus Unerbittlichkeit, aus Liebe zum Unbedingten. Mit dem bloßen Gedanken von der menschheitlichen Sendung des Judentums ließ sich freilich die Scheidung vom Nichtjüdischen schnell entschuldigen. Aber Hirsch verwickelte sich doch in Widersprüche, sobald das Ziel der Sendung zu erklären war. Bestand sie darin, den Glauben an einen Gott und die Güte des