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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 563

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Samson Raphael Hirsch
Date
1919-01-01
Page
563 (sequence 8)
Language
German
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Samson Raphael Hirsch 563 kunstvoll Brücken von einem Gesetzesworte aus, bis er zu irgend einem großen Gedanken sich durchspekulierte, der das Allmenschliche betraf oder doch die menschheitliche Aufgabe des Judentums. Dann war ihm das Gesetz Gewähr der Göttlichkeit, ja Aufstieg zum Gotterleben selbst. Dabei schwelgte er (bei seinen Erklärungen zum Pentateuch, zu den Psalmen und zum Gebetbuch) in sprachgeschichtlichen Vermutungen Bernays'scher Art; so schien er oft den Kabbalisten nahe. Aber diese hatten hinter dem schlichten Wortgewebe der Bibel Wunder und Gotteslegenden aufgedeckt, während Hirsch überall geheimnisvolle Rede merkte, die es vernünftig klarzustellen galt. Der 8. Halbfaden der Zizith, die aus vier Ganz-Fäden zusammengelegt werden, soll nach Maimonides techelet-farben gewesen sein, so daß unter den weißen Halbfäden nur 6 die drei weißen Ganz-Fäden bildeten. Hirsch deutet nun nach weitläufiger Untersuchung die Zahlenwerte also: „Sinnliche Leiblichkeit, wie die ganze übrige geschaffene sichtbare Welt 6. Freier göttlicher Hauch, unsichtbar von Unsichtbarem stammend 7. Jüdischer Beruf, in Israels geschichtlicher Erwählung wurzelnd 8. Das sind die Elemente, aus welchen wir gewoben sind. .. Du hast Sechs, aber du hast auch ein Siebtes und Achtes — Du bist Tier, aber du bist auch Mensch und Jude.. Daß sich durch solche Dialektik auch selbstkonstruierte Symbole — und wären sie noch so absonderlich — an irgend einen allgemeinen ethischen Gedanken anfädeln lassen, konnte Hirsch nicht beirren. Alle Einwürfe gegen die Willkür seiner Deutung erreichten ihn nicht. Durch seine Überlegungen zog er nur um so inniger den sorgsam umgrenzten Kreis der Tradition in seinen Vernunftkreis hinein, gerade umgekehrt, als es Maimonides gewollt hatte. Die Sicherheit der Gegner lag in philologischen Details und in historischen Argumenten; die Sicherheit Hirschs war die Sicherheit lebendigen Fühlens, Sein Wirklichkeitssinn duldete keinen Historismus. Alles war jetzt und wirklich. Jedes Freudenfest wurde um gegenwärtiger Freude willen und jedes Trauerfest um gegenwärtiger Trauer willen gefeiert. Die ganze Tradition mußte in ihrer aktuellen, das ist in ihrer ewigen Bedeutung erkannt und gelebt werden. Solcher wirklichkeitsvolle Glaube legte auf die Lohnversicherungen des Jenseits kein Gewicht. „Nicht über Gräber erhob sich das jüdische Heiligtum; der Tod und alles, was mit ihm in Berührung steht, blieb fern aus seinen Räumen." Man sollte aufhören, mit dem Begriff der Orthodoxie den Begriff der Erstarrung mitzudenken. Unbeugsam ist nur die Formel. Aber wo sie in Betätigung umgesetzt ist, wird sie eine Vervielfältigung des Lebens, . Trotz aller gedanklichen Geschmeidigkeit wäre es aber nicht möglich gewesen, die beiden Kreise der unversehrten jüdischen Tradition und der allgemein menschlichen Vernunftlehre oder wie Hirsch es gern ausdrückte: thauro im derech erez zu vereinen, wenn nicht das, was er für Allmenschliches hielt, Erbgut des jüdischen Volkes wäre: die Erkenntnis des einen Gottes, der uns, seine Kinder, zwischen Gut und Böse hingestellt hat. Darum fühlte Hirsch sein Allmensch- Hches gerade im jüdischen Schrifttum bestätigt und darum verwarf er aus allmenschlichen Gründen, was in den außerjüdischen Lehren sich den jüdischen nicht fügte. Israel Hildesheimer, sein geistiger Jünger, das Haupt der Berliner Orthodoxen, glaubte die Selbsttäuschung des Meisters darin zu durchschauen; er löste die beiden Kreise, die nach verschiedenen Gesetzen sich be- 36*

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