Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Samson Raphael Hirsch
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 562 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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562 Friedrich Thieberger: denn ein Buch meiner Lebensordnung ist es. Wie konnte ich auch meinen, daß ich an dieses Buch nur um der Väter willen geknüpft sei und nicht um meinetwillen, nur kraft der Vergangenheit und nicht kraft der lebendigen Wirklichkeit! Nun bin ich gesichert, nun ist mein ganzes Leben in untrügliche Gesetze einbezogen, nun erst bekenne ich Gott durch mein Tun, nun erst erfüllt mein Dasein seine allmenschliche Bestimmung: beispielgebend zu sein. Keiner von all diesen Sätzen ist in den 19 Briefen zu lesen und doch fühlt man sie aus jeder Zeile des Buches. Es wäre freilich leicht, die verdeckten Klammern des Gedankengerüstes bloßzulegen und über ihre logische Bindekraft zu lächeln. Aber die Macht eines Gedankens liegt in seinen menschlichen Elementen und nicht in seinem logischen Nachweis. Der ungeheuerliche Bogen vom Erlebnis Gottes zum Bekenntnis des sinaitisches Gesetzes, der Schluß: Gott ist, also ist die Thora von Gott gegeben, vermag nicht einmal kindlichem Urteil zu widerstehen. Und welch rationalistische Ohnmacht ist es, das sinaitische Wunder darum für beglaubigt zu halten, weil es sich doch vor den Augen eines ganzen Geschlechtes ereignet hat! Maimonides hatte sich an dieser Entdeckung aufgerichtet, Hirsch baute sie in sein System ein. Denn an ihr beruhigte sich sein stolzer Eifer um die innere Sicherheit. Diesem Eifer war der Gedanke, daß die Textierung des mündlichen und schriftlichen Gesetzes nur ein menschlicher Bericht des sinaitischen Gotteswortes sein könnte, Lästerung und Abfall. Wäre nicht das Gotteswort authentisch in unseren Händen, dann wäre das Judentum und wären wir selbst haltlos. Als Zacharias Frankel hinschrieb, die Mischna umfasse Interpretierungen des biblischen Gesetzes, aber ihr Sprachgehalt zeuge für das hohe Alter ihrer Fassung, da fuhr Hirsch in großem Zorn auf und sicherte sich vor der Anmaßung der „historischen Schule*': aus den Beteuerungen der Mischna gehe doch ihr göttlicher Ursprung einleuchtend hervor. Rapoport, der Konservative, griff versöhnend ein: Der Inhalt der Gesetze sei doch nicht die Form der Gesetze; und nur die Form habe Frankel untersucht. Aber Rapoport hatte damit die Grenzfrage zwischen Orthodoxen und Konservativen berührt: Treue aus Überzeugung oder Treue aus Liebe. Nur die Treue aus Überzeugung verbürgt die Treue zum Gesetz. Ja, darauf kommt es an, zum Gesetz! Und hatte Mendelssohn das Handeln gebunden, aber das Denken freigegeben, so mußte durch klare Bestimmungen das ganze menschliche Bewußtsein verpflichtet werden. Der „Chaurow" wollte ein solcher erster Versuch in Paragraphenform sein. Denn die Kodifizierungen der Früheren waren bloße Kodifizierungen von Tun und Lassen, hier wurde Tun und Lassen auf seine göttliche Absicht hin erwogen und so auf den Untergrund des Gotterlebens zurückgeführt. Der Wissenschaft des Judentums, die seine Zeitgenossen verkündeten, setzte er seine jüdische Wissenschaft entgegen, welche die unendliche Aufgabe hatte, die Absicht des mündlichen und schriftlichen Gotteswortes zu umkreisen. Aber mündliche und schriftliche Thora genügen nicht, um die ganze Fülle der religiösen Bindungen zu fassen. Nur selten und versteckt gab Hirsch zu, daß auch die rabbinischen Satzungen und Anordnungen als dritte Quelle in den Kreis der abgeschlossenen heiligen Tradition mündeten (Gesammelte Schriften IV. 454). Hirsch hatte eine seltsame Neigung zu klanglichen Assoziationen. Das gab seiner Sprache eine besondere Dynamik, aber verleitete zu den wildesten Gedankensprüngen. Da die Frage der historischen Schichtungen für ihn nicht galt, suchte er für alle Stücke der Tradition dieselbe Weise der Erklärung. Er baute