Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Samson Raphael Hirsch
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 561 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Samson Raphael Hirsch bald hinter dem fingierten Briefschreiber Naphtali verbarg. Die „19 Briefe"*) sind das Dokument seines Kampfes; das einzige. Alles, was er nachher in einem achtzig Jahre währenden Leben schrieb, war nicht mehr nach innen gesprochen, sondern nach außen, war nicht mehr Bekenntnis, sondern Propaganda. Nirgends hatte die Reform der ersten Generation so schnell an Boden gewonnen, wie in Hirschs Heimatstadt Hamburg. Selbst die zur Treue an die Überlieferungen Erzogenen öffneten sich europäischem Geiste. Aber Hirsch trafen die Reformen in seinem untrüglichen Sinn fürs Entschiedene und Kompromißlose. Jetzt galt es zum erstenmal: Nicht ausweichen, sondern ins Auge sehen! Er dachte die Reform zu Ende und kam ans Ende des Judentums. Das erschütterte. Er kehrte zurück, prüfte die Wege der Reform und erkannte in ihnen dieselben, die schon Maimonides betreten hatte, um Religion und Vernunft auszugleichen. Wenn auch Maimonides in beruhigter Vorsicht an eine andere Gedankenwende gekommen war, als die neuen sorglosen Reformer, so bedeutet das eine Angelegenheit seiner persönlichen Logik: die seelische Tendenz, war dieselbe. Das erschütterte noch mehr. War also das Judentum rettungslos den Vernunftlehren preisgegeben? War es denn nicht mehr als ein philosophisch begründbarer Bau? Fühlte er nicht, auch wenn Vernunftgründe gegen jüdische Lehren sprachen, die unwiderlegliche Wirklichkeit des Judentums in sich? Ist es aber eine Wirklichkeit, dann muß es sich auch gedanklich umgrenzen lassen! Mit der Vernunftlehre, der voraussetzungslosen Lehre, darf ich wohl Satz um Satz der Religion prüfen, enthüllen und zerstören, aber der Religion in ihrer Gesamtheit komme ich nicht bei. Es gilt eben jene Stelle in meinem Bewußtsein zu finden, von der aus die beiden Kreise der Religionslehren und der Vernunftlehren ineinander gerückt erscheinen; von der aus ich die Achse erfasse, die durch ihre Zentren geht. Aus der Unendlichkeit des Daseins, das seine Wellen in mich wirft, erlebe ich dieses Eine, das Unvermeidliche, Unwiderlegliche: Gott. Nicht weil er eine Nötigung meines Systems ist und nicht weil ein Religionskodex ihn fordert. Sondern aus einer abgrundlosen Wirklichkeit. Und so, für einen Ungeheuern Augenblick außerhalb der beiden Kreise gestellt, die ihr sondert, blicke ich zurück und siehe: der Abglanz meines Gottes strömt mir aus einem wunderbaren Buche zu, aus jeder Zeile, aus jedem unscheinbaren Wort. Und je länger ich hinblicke, desto tiefer erkenne ich immer nur ihn. Vieles in diesem Buch will mein Verstand noch nicht fassen, aber dürfte ich um dessentwillen nur ein Geringes leugnen, ohne auch das Göttliche des Ganzen zu leugnen? Ist in meinem Verstände das Maß auffindbar, das in diesem Buche Göttliches von Nichtgöttlichem scheidet? O, nun es mir ums Ganze geht, bin ich auch im Geringsten unbeirrbar. Und wie könnte auch der Kreis meiner Verstandeslehren meinem göttlichen Kreis widerstreiten! Täte er es, ich hätte nicht alles erwogen, worauf sich mein Verstand stützen wollte. Aber ich sehe ja durch den Kreis meiner Verstandeslehren hindurch nur den heiligen Kreis des göttlichen Buches, und je eindringlicher ich in den Lehren der Vernunft forsche, desto klarer und sinnvoller wird mir sein Plan. Der Nebel des Gefühls löst sich immer mehr. Ich sehe das unendliche Auge, das auf mir, gerade auf mir, dem Endpunkt einer uralten Geschlechterreihe, fordernd ruht. Es genügt nicht, daß ich glaube. Mein ganzes Leben sei nach diesem Buche geordnet, *) Eine gute Neuausgabe ist jüngst in der Reihe der Weltbücher (Welt-Verlag, Berlin) erschienen. Helt i3 36