Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Samson Raphael Hirsch
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 560 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Friedrich Thieberger: westjüdischen Aufklärung, Sein Einfluß wäre größer gewesen, wenn er es nicht verschmäht hätte, anders als durch das gesprochene Wort sich zu enthüllen. Zum einzigen Werk, das nach seiner Autorschaft ruft, zum „Biblischen Orient", wollte er sich nicht bekennen. Freilich wäre es kaum möglich gewesen, die Orthodoxie aus der aufklärerischen Zeitströmung herauszureißen. Denn sein stärkerer Schüler, der schon mit 13 Jahren ihm anhing — 1821 war Bernays als Chacham nach Hamburg gekommen —, entfaltete sich immer mehr als Kämpfer einer aufklärerischen Zeit: Samson Raphael Hirsch. Er hatte von Bernays gelernt, die Glut des religiösen Gefühls in pastose Rhythmik zu gießen, und der mächtig erneuerte Gedanke von der Mission des Judentums straffte auch sein religiöses Wollen. Aber die tragende Grundfläche seines Lebens war doch wieder das Problem der Koexistenz von überlieferter Religionslehre und westjüdischer Vernunftlehre, Seine Lösung war so eindringlich und erleichternd, daß sie selbst in ihren Formulierungen ein neuer Kodex für zwei orthodoxe Generationen wurde. Erst die nationale Umstellung änderte die menschlichen Voraussetzungen seiner Lehre, Als nämlich die jüdische Seele ihre gründlichste Arbeit leisten mußte, um vor dem Aufklärungsproblem zu bestehen, wurden in der bedrohten Seele natürliche Kräfte frei, welche damit aufräumten, daß die Frage nach dem objektiven Wahrheitsgehalt der jüdischen Lehre zur Existenzfrage des Judentums gemacht werde. Das nationale Erwachen der westlichen Juden, vorgeahnt von Moses Hess, ist nur in seiner äußeren Form der Rückschlag gegen die Assimilation; im tiefsten Grunde ist es die Überwindung der Aufklärungszeit: das Judentumt das nur als ein Vernunftproblem galt, wurde zum Problem der jüdischen Seele. 2. Samson Raphael Hirsch war ein Fanatiker der Sicherheit Aus diesem Punkte läßt sich die Linie seines Wesens und seines Geschickes aufrollen. Die Sicherheit, mit der er seinen Glauben auf festem Gedankengrunde absteckte, gab ihm eine Überlegenheit, die seine Gegner durch keinen Gefühlsappell ausgleichen konnten. Die Freude an solcher Sicherheit erweist ihn als Repräsentanten der Aufklärung, um nicht zu sagen des emanzipierten jüdischen Bürgertums. Der rücksichtslose Eifer für das Heilige seines Glaubens hebt ihn in die Reihe unserer großen Männer empor. Es wäre aber ungerecht zu meinen, Hirsch habe um die innereSicherheit, die seine Beschränkung und Stärke war, nicht gekämpft. Worauf seine Jünger leicht und willig sich stützten, war auf der Erschütterung des Meisters gegründet. Auch hier gilt, daß der Kampf in der einzelnen Seele immer ein Kampf für alle ist. Es scheint aber begreiflich, daß man in den Kreisen der Jünger nicht gern davon hört, Hirsch habe Neues geschaffen und nicht vielmehr Verschüttetes aufgedeckt. Das Wort „Neuorthodoxie" sei ein gegnerischer Ruf, mißdeutend und mißdeutbar. Gewiß hat Hirsch keine neuen Normen aufgestellt, aber er hat durch eine kühne Axendrehung die beiden widerstrebenden Kreise der jüdischen Religionslehren und der europäischen Vernunftlehren konzentrisch ineinandergeschoben. Diese Axendrehung ist das Neue und Wesentliche, ist dasjenige, was Kampf verlangte, weil es wurde. Als "der achtundzwanzigjährige Hirsch die „19 Briefe über Judentum" (1836) herausgab und im Untertitel auf das schon vorbereitete Hauptwerk, den „Chaurow", hinwies, war jener Kampf bereits ausgetragen. Aber er lag so kurz zurück, daß «ich die Scheu der Selbstenthüllung bald hinter einem Herausgeber Ben Usiel,