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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 559

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Samson Raphael Hirsch
Date
1919-01-01
Page
559 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Samson Raphael Hirsch 559 wandelt sich und hat Lebenskraft nur solange sie sich wandelt. Dies zu erkennen, halte ich heute für eine jener seelischen Bedingungen, die über die Zukunft unseres Volkes mit entscheiden. Für den Orthodoxen ist wohl „das Gesetz'* als die äußere Hülle der festgelegten Tradition durch keinerlei Überlegungen wandelbar, aber die Menschen sind es, die von Geschlecht zu Geschlecht diese Hülle — nicht nur Handlungen, auch Glaubenssätze gehören dazu — über ihr Leben stülpen. Immer wieder müssen die Kontakte zwischen dem kalten Mechanismus der Gesetzeshülle und dem lebendigen Zentrum, das sie trägt, hergestellt werden. Die Oberflächenform bleibt gleich, nicht aber die Kraft, die sie bewegt, nicht die seelische Motivierung. Oder anders: Mag auch das Gesetz und die Erfüllung des Gesetzes unveränderlich sein, die seelische Beziehung der Menschen zu dem Gesetz und zu der Erfüllung wandelt sich. Denn darin liegt der berauschende Sinn der Entfaltung — und alles Lebende hat Teil an ihr —, daß durch die unaufhörliche Wechselwirkung der Dinge immer andere Ordnungen, Arten und Gebilde entstehen. Die Orthodoxie des Aristotelikers Maimonides war eine andere als die des Aufklärers Mendelssohn und wieder anders als die des Mystikers Baal Schern. Nicht ein Mehr oder Minder an Gesetzestreue ist damit verzeichnet, sondern eine Qualitätsverschiedenheit. Seit Mendelssohn stellten sich die Orthodoxen Westeuropas ganz so wie ihre reformistischen Brüder an die Wegscheide der Aufklärung: zwischen Vernunft und Religion. Und ganz so wie bei den Reformern. wandelte sich während der Aufklärungsphase das Gefühl für die innere Richtung. Mendelssohn hatte dem Kreis des Religiösen das letzte Tröpflein Vernunft entzogen, die ohne hindernde Rücksicht auf freiem Felde wirken sollte. Die Außenlinie seines religiösen Lebens blieb unversehrt, nach innen zu war alles umgestürzt: Religion bedeutete für ihn nur gesetzliche Gebundenheit des Tuns und hatte keinen Einfluß auf die Wahrheitssuche und die Funde der Vernunft. Es gab keinen radikalern Umstürzler unter den Orthodoxen als Mendelssohn. Allein die jüngere Generation wollte den logischen Sprung der Mendelssohnianer nicht ein zweites Mal wagen. Kants Gedanken über die Wahrheitsgrenze der Religion, Schellings und Schleiermachers Gedanken über das religiöse Verhältnis zum Göttlichen in der Natur und Vernunft sickerten bis in die orthodoxen Schichten durch und erweckten von neuem den Kampf zwischen der kodifizierten Lehre und den Erwägungen der Wissenschaft. Von diesem aufklärerischen Kampfproblem war auch Schellings Jünger, Isaak Bernays, ausgegangen; aber seine mystische Veranlagung lenkte die Gedanken in neue Richtungen. Bernays stieg bis an die Wurzel des religiösen Empfindens hinab,, dorthin wo Vernunft und Gefühl noch eines sind — und da erschien ihm der Unterschied zwischen Vernunft und Religion nur historisch geworden. Er spöttelte über die Anmaßung der Wissenschaft, dem Sinn des Lebens beikommen zu wollen, aber er bekannte, daß auch die Religion in einer Entwicklung begriffen ist und daß von Abraham zu Moses und wieder zu den Propheten ein aufsteigender Weg führt. Keines Volkes Geist und keines Volkes Schicksal schien ihm so sehr das Gefäß religiöser Schöpfungen zu sein wie der Geist und das Schicksal des jüdischen. Und da ergriff ihn wieder der verschollene Gedanke von der Sendung des jüdischen Volkes für die ganze Menschheit. Bernays ließ die Fülle des Gesetzes unangetastet, das ihm der Antrieb zu unvergleichlichem, beispielgebendem Leben war. So durchbrach er als einziger die Tendenz der

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