Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Samson Raphael Hirsch
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 558 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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558 Friedrich Thieberger: wollte, daß das Judentum auch ethisch hoch stehe und daß es diese Höhe früher als die Völker Europas erstiegen habe. Das folgende, zwischen 1820 und 1850 geborene dritte Geschlecht bedurfte darum einer noch stärkern Bindung an sein Judentum. Es mußte von den Schlacken seines volkstümlichen Prozesses gelöst, in ein System gebracht werden können, nicht als katechistische Zusammenstellung, sondern als philosophisches Ergebnis. So entstanden Steinthals Aufsätze, Lazarus* Ethik. Keinen erschütterte das Judentum tiefer, keiner riß es zwingender an sich als Hermann Cohen. Er bekannte sich zum Judentum, weil das Denken mit Notwendigkeit zu ihm hinführt, weil es ein Postulat der Vernunft ist. Wie die Ästhetik ohne die Kunst sinnlos würde, so bräche die menschliche Ethik ohne die Bürgschaft, welche die jüdische Religion besonders durch die Propheten lehrt, haltlos zusammen. Cohens Werk ist der vorgeschobenste Posten der ganzen Aufklärungszeit. Als sich die westlichen Juden am weitesten vom Judentum entfernt hatten, wurde das aufklärerische Wahrheitsproblem am eindringlichsten erfaßt. Die Vertreter der ersten Generation waren vornehmlich Kaufleute, die der zweiten * Rabbiner, die der dritten Philosophieprofessoren. Aber darin lag freilich eine gefährliche Beschränkung, das Judentum auf ein einzelnes System festzulegen. Das Judentum ist mehr als eine logische oder ethische Erkenntnis, und die Juden sind etwas anderes als Jünger einer bestimmten Philosophenschule. In die Gedankenkette dieser Zeit paßte trefflich die Überzeugung, daß wir Juden darum über alle Welt zerstreut wurden, weil wir allenthalben unsere besondere Ethik zu bewähren haben, bis die Menschheit ihr entgegenreift. Dieser Gedanke einer .menschheitlichen Aufgabe war das stärkste Ferment der westjüdischen Gemeinschaft. Schon die frühere Generation hatte sich seiner bemächtigt. Aber da sie dem Historischen zugewendet war, konnte sie — wie es ihr Theoretiker Samuel Hirsch tat — nur auf die Priorität des monotheistischen Gedankens sich stützen, also auf eine für Europa erledigte Angelegenheit. Der eigentliche Missionsgedanke freilich, urjüdisch in seiner Wurzel, war von einer Bewegung neu erweckt worden, die während des ganzen Jahrhunderts mit der geschilderten wie eine Nebenströmung parallel ging. An Moses Mendelssohn, der die beiden Kreise: jüdische Religion und europäische Vernunftlehre streitlos und gleichwertig nebeneinander stellte, konnten ebenso diejenigen anknüpfen, welche die Unverrückbarkeit des Vernunftkreises auch vor ihrem historischen Gewissen rechtfertigen wollten, wie jene, denen die Heiligkeit des religiösen Kreises aller Erwägungen Anfang war. Darum beriefen sich die Reformer immer wieder auf die Verketzerung des Reformators Mendelssohn durch seine Zeitgenossen, darum mißdeutete die spätere Orthodoxie, die immer darauf gepocht hatte, die wahre Trägerin des unversehrten jüdischen Erbes zu sein, die Verketzerung des Orthodoxen Mendelssohn. Denn der Riß zwischen Mendelssohn und einem Ezechiel Landau ergab sich nicht aus der Furcht, es könnte der außerjüdische Gedankenkreis in den endgültigen jüdischen Kreis vernichtend einbrechen, auch nicht aus der übereilten Leugnung, jüdisches Leben und nichtjüdisches Wissen versöhnen zu können. Die Abkehr gründet sich auf Wesentliches: Mendelssohn hatte den religiösen Kreis im Tiefsten verwandelt; nur scheinbar duldsam — ihm selbst nur scheinbar — standen die beiden Kreise nebeneinander. Ja, so sehr sich die Orthodoxen vorerst dagegen sträuben mögen: auch die Orthodoxie, fast hätte ich gesagt, die Religion der Orthodoxen