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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 557

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Samson Raphael Hirsch
Date
1919-01-01
Page
557 (sequence 2)
Language
German
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? Samson Raphael Hirsch 557 meinschaftsbräuchen zu den vom nicht jüdischen Europa erkannten Vernunftwahrheiten emporzuheben, es europafähig zu machen. Drei Generationen also von Aufklärern, in solchem Sinne bemüht, in solchem Sinne forschend. Aber Bemühung ist nicht Wachstum, Forschung ist nicht Leben. Und fragen wir, was jene Geschlechter immer wieder zum Judentum als einer gedanklichen Angelegenheit hinzog, da doch Europa vernünftigere Systeme und entwickeltere Forschungsgebiete enthüllte, so kann es nur dieses sein: der magische Kreis eines gemeinsamen Lebens derer, die sich physisch verbunden wissen. Aber zu Dank für die bürgerliche Emanzipation — und man mißachte nicht diesen Dank! — mußte der Weg zu starker eigener Gemeinsamkeit als Weg der Rettung im Dunkel bleiben; er blieb es, bis eine neue Erschütterung ihn wieder aufdeckte. In demselben Maße, wie die jüdische Gemeinschaft durch die zunehmende Einbürgerung in das wirtschaftliche und geistige Leben Europas sich lockerte und gleichsam gewichtloser wurde, drängte es diejenigen, welche von den schwindenden jüdischen Zentren ausgingen, dazu, ihrem jüdischen Bewußtsein größere Schwere zu geben. Die erste Generation, die bis 1790 Geborenen, durften die radikalsten Reformer sein, durften auf äußerlichste Weise durch Umwandlung der Tempelriten ihre Modernität befriedigen. Denn diese Friedländer, Jakobson, Beer hatten Judentum in sich. Aber schon an ihren Schülern der kommenden Generation erwies es sich, daß die fortwährende Preisgabe jüdischen Erbinventars wohl der nichtjüdischen Welt näherbringe, schließlich auch jene Verschmelzung möglich mache, wie sie etwa Holdheim ersehnte. Aber es geschah nicht um einer höhern Gemeinsamkeit willen, sondern um den Preis des Judentums und — was sogar die Anhänger Holdheims abwehrend ahnten — um den Preis des jüdischen Volkskörpers. Wie ein Eisblock, der im Wasser schwimmend noch eine gute Weile Form und Sonderbewegung zeigt, ehe er sich allmählich auflöst, so sollte auch das Judentum, noch umgrenzt, noch gesondert, allmählich von den Hemmungen der Grenze und Absonderung befreit werden. Aber wunderbare Kraft der jüdischen Seele! Gerade diese Gefahr führte die zweite Generation, die zwischen 1790 und 1820 Geborenen, neuen Sicherungen entgegen: zur Wissenschaft des Judentums. Die Analogie zur aufblühenden deutschen Altertumsforschung war Quelle der Anregung und des Zuspruches auf dem neuen Wege. Kein Schlagwort wurde prunkender gebraucht als das von der „Wissenschaftlichkeit". Man suchte als vollwertiger Europäer sein Judentum zu retten, indem man in den klaren Bezirk seiner Literatur flüchtete; hier war Nachweisbares, Positives. So verschob sich die Religion zum Studium von Religionsdokumenten, das lebendige Wort wurde eine philologische Angelegenheit. Es war die Generation Zunz*, Geigers, Luzzattos, Frankels, Philippsons, Graetz', Steinschneiders, die trotz der verschiedenen Konsequenz im Ritus vom gleichen Erlebnis ergriffen waren. Historische Klärungen können aber niemals schöpferische Volkskraft frei machen. Nur wer den Quellpunkt der Gegenwart entdeckt, dem öffnen sich die Schleusen der Vergangenheit. Die Verankerung im Antiquarischen konnte einzelne beruhigen, dem machtvollen Vernunftproblem, in das die Religion allenthalben verfangen war, wich man auf solchem Wege aus. Da zeigte die außerjüdische Forschung eine Weite der Gebiete, einen Mut der Bibelprüfung, mit der nicht konkurriert werden konnte. So trieb die Not der Zeit zur ethischen Apologetik des Judentums. Aber auch dies war ein schwacher Damm gegen die Erschütterung der Zeit, solange man nur erweisen

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