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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 555

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Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Die Methodik des Cheders
Date
1919-01-01
Page
555 (sequence 14)
Language
German
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Die Methodik des Cheders 555 im Gebet, Chumesch und der übrigen Bibel nach Geläufigkeit und,Vertrautheit. Kein Bibelvers sollte dem jüdischen Menschen fremd bleiben, auch wenn er ihn zunächst nicht vollständig verstand, und diese Kenntnis wurde durch die ständige Wiederholung erreicht. Auswendiglernen war jedoch im Cheder nicht üblich. Der Pentateuch als zentraler Lehrgegenstand des Chumesch-Cheders wurde nach Wochenabschnitten gelernt. Diese Art des Lernens war aufs engste mit dem Leben verknüpft. Der Wochenabschnitt wurde am Sabbat, am Montag und Donnerstag in der Synagoge verlesen. Familien- und Geschäftsbriefe wurden nach ihm datiert. Die Erwachsenen lasen ihn zweimal wöchentlich im Urtext und einmal im Targum und lernten und wiederholten ihn am Sabbat mit Raschi und anderen Kommentaren. An dem großen Tisch im Bet hamidrasch wurde aus dem Wochenabschnitt Schiur abgehalten, der Prediger entnahm der Parascha seinen Text, und bei den Chassidim knüpften sich die Lehren des Zaddiks an einen Vers aus dem Abschnitt. Bei den drei Sabbatmahlzeiten unterhielten sich die Erwachsenen über Dinge, die den Abschnitt betrafen. Kurz, der Wochenabschnitt stand im Mittelpunkt des jüdischen Leben. Wenn das Kind bei der Durchnahme im ersten Jahr die ganze Parascha noch nicht beendet hatte, lernte es in der nächsten Woche ein Stück aus dem folgenden Abschnitt. Es lernte so die Bibel bruchstückweise. Im nächsten Jahre lernte es dann den ganzen Abschnitt kennen. Auch im Gemara-Cheder wurde der Wochenabschnitt gelernt. Dieser wöchentliche Lehrgang ging vom Chumesch auf alle Fächer über. Es war allgemeiner Brauch, einen neuen Talmudabschnitt am Sonntag zu beginnen, um ihn dann die ganze Woche zu wiederholen und am Sabbat abzuschließen. Es ergab sich daraus eine auffällige Einfachheit und Einförmigkeit im Programm. Überall im Galuth herrschte dieselbe einfache Anordnung. Alle Lehrgegenstände wurden nach Wochen eingeteilt. Ein Kind, das am Ende einer Woche aus einem Cheder abging und am Anfang der nächsten in einen anderen eintrat, hatte von einer Unterbrechung oder Programmänderung keinen Schaden zu befürchten. Diese Einförmigkeit trug sehr zur Erhaltung des Cheders bei. Ein Bedürfnis nach Programmen oder Lehrplänen oder einer besonderen Schulorganisation lag nicht vor. Schüler jeden Alters konnten in einer Klasse lernen, und ein Schüler konnte in jede Lehrstunde eintreten und am Unterricht teilnehmen. Die Tatsache, daß es sich um das Studium aus heiligen Schriften handelte, hätte leicht dazu führen können, auch das Lernen der Kleinen als Mizwa zu betrachten, die durch die Beschäftigung mit den Texten schon erfüllt ist, auch wenn kein Erfolg erzielt wird. Eine solche Anschauung herrschte jedoch im Cheder nie, sondern man strebte nach Wissen. Lernen als religiöses Gebot — Thora lischmah — in diesem Sinne muß zerstörend wirken, wenn es in die Schule eindringt. Noch ein Problem: Ist der Cheder ein humanistisches oder ein realistisches Institut zu nennen? Der Cheder lehrte im wesentlichen die heilige Nationalliteratur, die Quellen der jüdischen Humanität und die Sprache dieser Quellen, das Wissen um den jüdischen Menschen und um seinen Weg im Leben. Er war also, soweit dieser Begriff auf Volksschulen Anwendung finden kann, ein jüdisch-humanistisches Institut. Realistisch war es insofern nicht, als Realien dort nicht gelehrt wurden; aber die Lehrweise war dennoch von einer rein philologischhistorischen Methode weit entfernt. Die ganz und gar nicht philologische Methode,

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