Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 554 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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554 E. M. Lipschütz: Der Melamed mußte das Fach, das er zu lehren hatte, natürlich gut beherrschen, eine besondere pädagogische Vorbildung wurde jedoch von ihm nicht verlangt. Die Stunden wurden ohne Unterrichtstechnik, ohne Vorbereitungsstufen, ohne besondere Einführungen gegeben. Geraden Weges ging man auf den Bibel- oder Talmudabschnitt los. Die Herbart-Zellerschen Unterrichtsstufen widerstreben dem Geist des Cheders durchaus und bestimmen einen wesentlichen Unterschied zwischen dem System des Cheders und dem der modernen Schule. Die Erfahrung hat gelehrt, daß ein nach diesen pädagogischen Grundsätzen erteilter Unterricht nicht zu einer so sicheren Kenntnis der Quellen führen kann, wie sie der Cheder erstrebte. Im Talmudunterricht bedeutet eben die Quantität Qualität. Auch im Bibelunterricht kann nur häufige Wiederholung die gewünschte Geläufigkeit geben. Für den Beginn des Talmudunterrichts ist es notwendig, daß der Schüler nicht zu tief in die Einzelheiten eindringt, sondern gefühlsmäßig aufnehmen kann. Zuviel Einzelheiten und Feinheiten, Erklärungen und Erläuterungen halten ihn nur von der Entwicklung des talmudischen Empfindens ab. Aus eigner Erfahrung weiß ich, daß Lehrer, die längere Zeit in einer modernen Schule unterrichtet haben, sich nicht mehr in den Chederunterricht in Chumesch und Talmud hineinfinden konnten. Der Cheder mit seiner geringen Zahl von Fächern hatte auch nur wenige Lehrbücher. Es gab eigentlich nur 3 solcher Bücher: Gebetbuch, Chumesch und einen Talmudtraktat, alle drei in ungekürzten Ausgaben. Chrestomathien entsprechen nicht dem Geist des Cheders. Das Lernen aus gekürzten Texten hält die Schüler von dem Eindruck des vollständigen Werkes fern, es bleibt ihnen, auch wenn sie größer werden, fremd. Die verstümmelten Verse haben sich schon ihrem Gedächtnis eingeprägt und hindern die Einwirkung der Verse in ihrer ursprünglichen Gestalt. Die Sorge, die Unschuld des Kindes könne durch Abschnitte, die keine Erläuterung vertragen, geschädigt werden, ist nicht berechtigt. Gerade, solange der Cheder bestand, herrschte bei uns eine Keuschheit, wie sie keinem anderen Volke sonst eigen war, obgleich die Kinder selbst Traktate aus der Talmudordnung Naschim lernten. Ich habe es mit angehört, wie erfahrene Lehrer es verstanden, solche Klippen zu umschiffen. Es blieb alles dem pädagogischen Takt des einzelnen Lehrers überlassen. Auch die Protestanten geben den Kindern jetzt wieder die ganze Lutherbibel in die Hand, und auch unter den Pädagogen gibt es heute viele, die sich auch im Sprachunterricht den Chrestomathien widersetzen und die blasse angekränkelte Kinderliteratur mit ihrer gekünstelten Jugendlichkeit aus der Schule verbannen und dafür die ungekürzten Quellen zurückbringen wollen. Die Berechtigung dieser Forderung im Sprachunterricht sei dahingestellt; für den Cheder bedeutete sie einen grundsätzlichen und wesentlichen Zug. Häusliche Aufgaben gab es im Cheder nicht. Wiederholung und Einprägung in ihrem ganzen Fortgang vollzogen sich vor dem Lehrer und mit seiner Hilfe. Der Vortrag nahm keinen großen Raum ein. Nur einmal, zu Beginn eines Abschnitts, fand ein zusammenhängender Vortrag des Lehrers statt, dann folgte die Wiederholung, die die ganze Woche in Anspruch nahm. Diese Wiederholung gab dem Lehrer die Möglichkeit, jeden Fehler des Schülers zu verbessern, falsche Auffassungen, nicht recht Verstandenes zu klären und zu erläutern und alles nicht voll Aufgenommene gründlich durchzunehmen und einzuprägen. Dabei wurde dem Schüler reichlich Gelegenheit zum Fragen gelassen. Im Talmudunterricht strebte man nach Vervollkommnung des Verständnisses,