Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 556 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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556 Friedrich Thieberger: das lebendige Verhältnis zum Gesetz, das in das Leben tief eingriff, der sehr praktische Inhalt des Talmuds und die sich aus ihm ergebende formal-analytische Denkweise brachten einen stark realistischen Zug hinein. So entließ der Cheder Menschen, die auch ihre weltlichen Angelegenheiten führen und die Dinge nach ihrem realen Wert abschätzen konnten. Der Cheder der Ostjuden war eine Fortsetzung des mittelalterlichen Cheders und des noch früheren Bet hassefer der Tannaiten und Amoräer. Die Ähnlichkeit zwischen ihm und der europäischen Schule vor der Renaissance ist überraschend. Aber das besondere Verhältnis der formalen und materialen Methodik, das in ihm zum Ausdruck kommt, gibt ihm eine besondere Färbung in seiner Gestaltung, wie in seinem Inhalt. Jerusalem E. M. Lipschütz (Aus dem hebräischen Manuskript übersetzt von Kurt Hammerstein) SAMSON RAPHAEL HIRSCH I. Die Tragik des Unsichern und Zweifelnden trägt eine versöhnende Kraft in sich, weil sie das Menschlische nicht beschönigt Die Tragik des Selbstsichern und Beruhigten — Tragik für den fernen Beschauer — wirkt leidvoll und beengend, weil sie den ganzen Betrug, den die Natur am Menschlichen übt, zu enthüllen scheint. Aber alles menschliche Mühen und darum auch alle menschliche Größe liegt nur in der Bewegung zwischen den beiden tragischen Polen. Die westjüdische Geistesgeschichte von Mendelssohn bis zum Erwachen des Nationalismus zeigt in höchst merkwürdiger Weise das wellige Kurvenbild eines immer wieder sich erneuernden Weges von Erschütterung zu Beruhigung. Wie vormals in der spanischen Epoche war diese Erschütterung nicht ein Prozeß, der in der jüdischen Seele seinen Ursprung hatte, sondern der von außen, durch die Aufklärung, in ihr erregt wurde. Und lange, nachdem die Sturm- und Drangepoche und die wurzelhaftere Romantik die Aufklärurigsbewegung der europäischen Geister unterbrochen hatte — erst der Realismus der dreißiger Jahre nahm sie maßvoll wieder auf —, rang noch die jüdische Seele mit dem Aufklärungsproblem. Sie kannte in Westeuropa keinen Sturm und Drang und keine Romantik, denn diese bauten sich auf dem Gefühl eines erlösenden Volkszusammenhanges auf. Die Elementarfrage der Aufklärung aber galt dem Vernunftgrunde der Religion und einer Religion der Vernunft Man höre endlich auf, den Anteil der Juden an der deutschen Romantik in die Mitte der jüdischen Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts zustellen; hier war versprengtes jüdisches Kapital in einem außerjüdischen Betrieb investiert. Als Symptom der jüdischen Geistesverfassung möge jener Anteil verzeichnet werden, für die Entfaltung des jüdischen Geistes blieb er belanglos. Nur eine Geschichtsdarstellung, der es darauf ankommt, unsere Auch-Wertigkeit zu erweisen und welche das Unglück, sich bis zur Selbstverkümmerung an die anderen Völker zu verschenken, als göttlichen Auftrag deutet, mag jenen jüdischen Anteil lärmend herausstreichen. So sei es in roher Formel wiederholt: Von Moses Mendelssohn bis zur Zeit der nationalen Erweckung, das ist ein Jahrhundert hindurch, gibt es für das Westjudentum nur ein Problem: das Judentum als Komplex von Lehren und Ge-