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Der Jude · 1919-01-01 · Heft 12 · p. 553

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
4 (1919-1920)
Issue
Heft 12
Article
Die Methodik des Cheders
Date
1919-01-01
Page
553 (sequence 12)
Language
German
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Die Methodik des Cheders 553 teilen, vorliegt. Da sie die nicht beschäftigten und sich langweilenden Kinder leicht zu Störungen des Unterrichts verleiten kann, birgt sie großen Schaden in sich« Andererseits soll nicht übersehen werden, daß der Melamed dabei die Eigenart jedes einzelnen Schülers genau kennen lernen und seine Erklärung auf ihn einstellen konnte. Diese Lehrweise hatte die Verminderung der Schülerzahl in jeder Klasse zur notwendigen Folge. Der Talmud zu seinerzeit setzte 25 Kinder als Höchstzahl für eine Klasse fest Der Cheder, namentlich in der Gemaraklasse, erreichte nie diese Zahl, hier waren 10—12 Schüler die Regel. Wie es kein festes Lehrpensüm gab, so war auch keine bestimmte Lehrzeit, ebensowenig ein bestimmtes Alter für die einzelnen Klassen festgesetzt. Im allgemeinen versetzte man die Schüler zwar am Schluß eines Halbjahrs, aber es bestand auch kein Hinderungsgrund, sie mitten im Semester in eine höhere Klasse überzuführen. Auch dies war nur infolge der geringen Anzahl der Fächer möglich. Das einzige Lehrfach diente als Maßstab bei der Versetzung. Eine Gefahr, daß der aufrückende Schüler die Kameraden in andern Fächern hinderte, bestand nicht. Diese ständige Versetzungsmöglichkeit hatte natürlich auch ihre Schattenseiten; sie gab einflußreichen Eltern Gelegenheit zu mißbräuchlicher Ausnutzung. Aber dieser Nachteil ging doch auch wieder in reichen Gewinn auf. Organisierte Schulen haben von jeher hervorragend befähigte Schüler an der vollen Entfaltung ihrer gesamten Kräfte gehindert. Diesen von jedem Einsichtigen beklagten Mangel hatte der Cheder nicht, er war vielmehr auf die Begabten zugeschnitten. Seine Methode hatte zur Folge, daß Minderbegabte bald an eine Schranke kamen, die sie nicht überschreiten konnten, so daß sie zum Verlassen der Schule gezwungen waren. Der Cheder hatte nicht das Streben, den Schülern das Lernen leicht und angenehm zu machen. Im Gegenteil, er gewöhnte sie an ernstes Arbeiten. Es fiel ihm garnicht ein, den Lerneifer durch Arbeitserleichterung anzuregen, sondern aus strengem Gehorsam und der Pflichterkenntnis, die in der ganzen Umgebung herrschte, sollte der Wille zum Lernen hervorgehen. Darum gab es kein allmähliches Aufsteigen im Lernen, keine Vorbereitung der Schüler auf ein neues Lehrfach. Stets ging man sprungweise von einem Gegenstand zu einem neuen über. Nichts hinderte, gerade mit einem schwierigen Bibel- oder Talmudabschnitt anzufangen. Lehrgegenstände, die als Vorbereitung hätten dienen können, fielen einfach weg. Diese Art des Unterrichts forderte also eine mehr als mittlere Begabung, und nur auf die Begabten kam es dem Cheder an. Auf etwaige Schädigung der Schwachbegabten nahm man keine Rücksicht. Das Programm der modernen Schule mit ihren Erleichterungen ist auf die Vielen, Allzuvielen zugeschnitten. Den geistig Kleinen und Mittelmäßigen wird sie zu einem Ruhekissen, den über das gewöhnliche Maß Herausragenden zu einem Prokrustesbett. Im Cheder dagegen und ebenso in der Jeschiwa gab es zahlreiche Wunderkinder und Hochbegabte (Illujim). Es kam eine Auslese der Talente zustande, so daß man mit Recht von einer Begabtenschule im modernen Sinne reden kann. Im Cheder unterrichtete nur ein Lehrer in sämtlichen Fächern und in allen Klassen. Solche Schulen gibt es auch heutzutage noch, aber nur auf dem Lande und dort auch nur aus Mangel an Geldmitteln. Unsere Lage im Galuth erforderte stets eine solche Sparsamkeit, und nur dank dieser Eigenschaft war es uns möglich, derartige Unterrichtsanstalten überall aufrecht zu erhalten* Aber nur vermöge der geringen Anzahl der Lehrfächer konnte man immer die nötigen Lehrer finden.

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