Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 552 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101150-3101162-3105057--3717-3105091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
552 £. M. Lipschütz: der Einzelnen vorstellen. Seine Organisation bildete kein Hindernis dafür, während die europäische Schule sehr wohl eine Störung der privaten Neigungen* des Einzelnen darstellen kann. Hier wurde ihnen im Gegenteil Raum gelassen, ja, sie wurden gefordert und gefördert; der Cheder war keine Presse, aus der nur gleiche Typen hervorgingen. Gab es auch einen zeitlichen Zwang, so wurden doch Charakter und freier Wille nicht unterdrückt. Selbst zahlreiche Dinge, deren Kenntnis religiöses Gebot war, ja deren Unkenntnis sogar zum Amhaarez herabwürdigte, wurden im Cheder nicht gelehrt Man mußte sie gewissermaßen aus der Atmosphäre des Cheders aufnehmen, sie entweder bei einem andern Unterricht nebenher lernen, sich in den freien Stunden damit befassen oder sie als Erwachsener erwerben. Daher kam es wohl vor, daß thorakundige Chederknaben gar keine Ahnung von Einzelheiten der Gebetsordnung oder von Trauergebräuchen hatten. Beschäftigung mit Ritualien trat im Cheder stark in den Hintergrund. Das Schreiben war besonderen Schreibern, die außerhalb des Cheders standen, überlassen; dennoch waren alle schreibkundig. Daß Rechnen und fremde Sprachen, von andern Dingen ganz zu schweigen, im Cheder nicht gelehrt wurden, braucht nicht besonders betont zu werden. Vor dem Haskalakampf galten diese Dinge nicht etwa als verboten, sondern nur nicht als Thora und damit nicht als Sache des Cheders. Sie waren für den Lebensunterhalt notwendig, und wer sich damit zu beschäftigen hatte, mochte sie später erlernen. Die Aufgabe des Cheders aber war die Thora, und der Talmud als zentrales Lehrfach absolvierte alle andern Lehrgegenstände. Solch ein zentralisierendes Fach erweist sich in jeder Schule als pädagogische Notwendigkeit; schon in jeder Klasse muß ein Fach existieren, das die einzelnen Gegenstände beherrscht. Im Cheder gab es überhaupt nur drei Fächer, die einander ablösten und die beiden anderen verdrängten: Lesen, Chumesch mit Raschi und Talmud. Die geringe Zahl von Fächern ermöglichte es, die Arbeit auf diese Gegenstände allein zu beschränken, und dieser konzentrierte Unterricht ließ außergewöhnliche Erfolge reifen. Die extrem formale Methode des Cheders, dieses System, das gar kein System ist, war nur durch die geringe Zahl der Fächer möglich. Eine Vermehrung der Fächer hätte dem Cheder seinen Charakter genommen. In den europäischen Schulen klagt man gerade über die Vielheit der Fächer, die die Konzentrierung des Lernens hindert und geisttötend wirkt. Die Lehrgegenstände des Cheders aber verlangen eine außerordentliche Hingabe. Verzicht war hier notwendig, nicht nur auf profane Fächer, sondern, wie wir gesehen haben, selbst auf viele ^religiöse Dinge, um die ganze Kraft des Lehrers sowohl wie des Schülers auf die Fächer zu vereinen, die allein das Wesen der Thora ausmachen. Ein wesentlicher Grundsatz im Chedersystetn war der Einzelunterricht, der neben großen Nachteilen doch auch gewisse Vorzüge besitzt. Der Lehrer unterrichtete nicht die Klasse im ganzen, sondern beschäftigte sich stets mit einem einzelnen Schüler. So kam bei der Wiederholung ein Kind nach dem andern an die Reihe. Die andern Schüler sollten dabei aufmerken, aber da der Lehrer sie nicht andauernd beobachten konnte, so pflegten sie sich auszuruhen oder auf eigene Faust etwas anderes zu treiben. Die Wiederholung war auf diese Weise ein Ersatz für die fehlende Pause, gestattete den Schülern, ihren Gedanken nachzuhängen oder sich eigenem Fleiß hinzugeben. Es ist klar, daß hier ein Nichtkönnen, eine Unfähigkeit des Lehrers, Klassenunterricht zu er-