Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 4 (1919-1920)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Methodik des Cheders
- Date
- 1919-01-01
- Page
- 551 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Methodik des Cheders lässigt. Kaum hatte das Kind im Chumesch-Cheder Chumesch und ein wenig Raschi gelernt, so kam es in den Gemara-Cheder, und hier trat wieder die Bibel ganz in den Hintergrund. Das Kind, das eben einige Abschnitte aus der Bibel gelernt hatte, ging so aus der Mittelstufe hinaus, ohne wirkliche Kenntnisse mitzunehmen. Die Bibel, einst in der Schule der Tannaim der zentrale Lehrgegenstand, dem man volle fünf Jahre zugewiesen hatte, wurde nun fast völlig verdrängt. Das Kind sollte ja so schnell wie möglich zum Talmud kommen. Außerdem gab man sich mit der Erwartung zufrieden, daß es die Bibel allmählich schon von selbst kennen lernen würde. Nicht etwa, daß diese Kenntnis für überflüssig erachtet wurde, aber da man überhaupt auf Aneignung eines bestimmten Pensums keinen Wert legte, so gab es kein Hindernis, in dieser Richtung beliebig fortzuschreiten. Widerstand gegen ein vermehrtes Bibelstudium erhob sich erst, und zwar in den Kreisen der Chassidim, als die Haskala wegen der Vernachlässigung des Bibelstudiums ihre Kritik gegen den Cheder richtete. Ebenso kam im Gemaracheder der Mischnaunterricht zu kurz. Ein Schüler, der Gemara lernt, muß schließlich auch Mischna verstehen. Das Lernen der Mischna, das früher einmal den ganzen Inhalt des Bet talmud ausgemacht hatte, wurde also als eigner Lehrgegenstand überhaupt aufgegeben. So blieb schließlich der Talmud als alleiniges Fach und Lehrziel des Cheders übrig. Es ist erstaunlich, wieviel Fächer auf diese Weise aus dem Unterricht verschwanden, die für uns mit dem Begriff einer hebräischen Schule untrennbar verbunden sind. So war z. B. eine pflichtgemäße Lektüre der hebräischen Literatur in keiner Hinsicht üblich. Auch die Chassidim forderten die Lektüre ihrer Schriften nicht, nur die Chabad-Chassidim wiesen ihrer Literatur einen Raum in der Jeschiwa zu. Als die Mussarbewegung regelmäßiges Lesen von Moralschriften als Forderung für den Cheder aufstellte, wurde dies als eine gewaltige Neuerung empfunden, die die Gemüter in höchste Aufregung versetzte. Trotz des Fehlens besonderer Literaturstunden war jedoch der Leseeifer unter den Zöglingen des Cheders außerordentlich stark. Jedes Kind hatte eine Periode, in der es reiche Schätze von Legendenwerken, Martyrologien, Homilien und Mussarschriften entdeckte und sich in sie versenkte. Fast alle modernen hebräischen Schriftsteller wie auch ihre Leser sind aus dieser Sphäre hervorgegangen. Da das Hebräische als Sprachunterricht nicht betrieben wurde, so gab es auch keinen Unterricht in der hebräischen Grammatik. Die Beschäftigung damit blieb vielmehr dem Privatfleiß überlassen. Als die Haskala ganz besonders grammatische Kenntnisse forderte, erhob sich auch dagegen Widerstand, um so mehr, als die neuen Grammatikbücher wegen ihrer „aufgeklärten" Verfasser als verdächtig galten. Die Werke der älteren Grammatiker aber waren veraltet und überdies rar. Auch auf Aneignung eines hebräischen Stiles wurde kein Gewicht gelegt. Dennoch schrieb jeder seine Privat- und Handelskorrespondenz, sowie Responsen und talmudische Notizen in hebräischer Sprache, und groß war die Zahl der Mechabberim (Verfasser, Literaten) — nur hebräische Verfasser wurden so genannt — wie auch die der Leser. Der Cheder verließ sich auf die eigene Arbeit seiner Zöglinge, forderte sie von ihnen, solange sie ihm noch angehörten, erwartete sie auch weiter nach dem Verlassen der Schule. Weder Cheder noch Jeschiwa vermittelten all die Kenntnisse, die einen Schüler zum Thorajünger machten. Man kann sich den Cheder nicht ohne den in ihm waltenden Lerneifer, nicht ohne eigene Arbeit